Israel hat mit Unterstützung der USA und des Westens die Angriffe vom 7. Oktober 2023 als Vorwand genutzt, um eine Kampagne des Völkermords, der ethnischen Säuberung und der imperialistischen Expansion zu führen, die ein seit 1948 nicht mehr gesehenes Ausmaß an Gewalt erreicht hat. Es hat unerbittlich Palästinenser*innen, Libanese*innen, Iraner*innen und andere Zivilist*innen in der gesamten Region bombardiert und getötet und ganze Gemeinden in Gaza, im Westjordanland und im Libanon enteignet oder dem Erdboden gleichgemacht. Die seit 1967 andauernde Besatzung und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der internationalen Gemeinschaft, die Gründung eines palästinensischen Staates durchzusetzen, haben den Weg für Israels messianische Expansion und seine kolonialistischen Bestrebungen in Palästina und der Region geebnet.
Während allgemeine Kritik an der Regierung in der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit weitverbreitet ist, unterstützt die Mehrheit der Israelis die derzeitige aggressive, militaristische Politik und die anhaltende Entmenschlichung der Palästinenser*innen. Eine Mehrheit der Israelis lehnt zudem die palästinensische Staatlichkeit ab und würde eine ethnische Säuberung in dem Land begrüßen. Das ist die traurige Realität, mit der wir konfrontiert sind.
Doch inwiefern steht das Konzept des Zionismus mit diesen Fragen in Zusammenhang? Ist die Realität, die wir erleben, eine logische und unvermeidliche Folge der zionistischen Bewegung im Allgemeinen? Verlangt die Härte der gegenwärtigen Realität von uns Linken, als bekennende Antizionist*innen aufzutreten? Oder sollten wir die Frage des Zionismus den Historiker*innen und Theoretiker*innen überlassen?
Die jüngsten Ereignisse in der deutschen Linken haben diese Fragen aufgeworfen. Als Mitglieder der sozialistischen, jüdisch-arabischen politischen Bewegung in Israel – der Listenverbindung Al-Jabha/Hadash – möchten wir unsere Sichtweise zu diesem Thema darlegen, sowohl auf analytischer Ebene als auch auf der Ebene der politischen Sprache und Mobilisierung.
Wir betrachten den Zionismus als eine Ideologie, die den Interessen beider in Israel/Palästina lebender Völker schadet.
Erstens betrachten wir den Zionismus als eine Ideologie und Praxis, die den Interessen beider in Israel/Palästina lebender Völker schadet. Er ist eine Form des bürgerlichen Nationalismus, der die Interessen eines Volkes, der jüdischen Israelis, über die der Palästinenser stellt. Dieses Element der jüdischen Vorherrschaft, das im Zionismus schon immer vorhanden war, ist heute die offizielle und unverblümte Staatsideologie in Israel – wir bezeichnen dies als Apartheid.
Zweitens weist der Zionismus ein tiefgreifendes kolonialistisches Element auf: nicht nur in seiner historischen Form als Siedlerkolonialismus, sondern auch in der andauernden Kolonisierung im Westjordanland und im Gazastreifen.
Drittens steht eine zionistische Weltanschauung im Einklang mit imperialistischen Interessen im Nahen Osten/Westasien – dies ist seit der Balfour-Erklärung bis hin zum aktuellen Angriffskrieg im Iran der Fall. Schließlich betrachten wir den Zionismus als eine von Natur aus militaristische Ideologie, die konsequent auf militärische Lösungen statt Verhandlungen setzt. Auch dies hat sich in den letzten Jahren verstärkt, verbunden mit einer völligen Ablehnung von Diplomatie.
Wenn unsere Analyse den Zionismus auf so vielen Ebenen ablehnt, warum stellen wir unseren Antizionismus dann nicht in den Vordergrund der politischen Kampagnen in Israel? Der Grund dafür ist, dass der Begriff »Zionismus« fast gleichbedeutend geworden ist mit jedem patriotischen und nationalen Gefühl unter Jüd*innen. In Israel ist der Zionismus zum Synonym für staatsbürgerliche Tugend geworden.
Für viele jüdische Israelis ist der Zionismus eng mit der Sicherheit der Jüd*innen verbunden. Er ist eine Antwort auf jahrhundertelange Verfolgung der Jüd*innen und Ausdruck des starken Wunsches, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die jüdisch-israelische Gesellschaft hat, ungeachtet historischer und aktueller Verbrechen, dieselben Rechte wie jedes andere Volk, einschließlich des Rechts auf Selbstbestimmung. Wenn wir sagen, dass wir den Zionismus ablehnen, lehnen wir für viele jüdische Israelis ihre grundlegende Identität ab.
Aber ist das nicht eine defätistische Haltung? Wenn wir in unserer tiefgreifenden Analyse den Zionismus als Instrument der Enteignung betrachten, warum geben wir dann der hegemonialen israelischen Interpretation des Begriffs nach, die alle unbequemen Wahrheiten über die zionistische Geschichte und Gegenwart bewusst ignoriert?
Die Antwort lautet: Wir betreiben Politik, um Veränderungen in der Welt zu bewirken, nicht um uns selbst besser zu fühlen. Wir glauben nicht, dass die laut vorgetragene und symbolische Ablehnung des Zionismus, zumindest im israelischen Kontext, ein hilfreiches Mittel der Überzeugung ist. Sie schafft vielmehr Entfremdung und birgt die Gefahr, uns weiter aus der politischen Debatte zu drängen. Dies ist eine schreckliche Realität, geprägt von zunehmendem Faschismus und einem immer enger werdenden Raum für abweichende Meinungen – doch es ist die israelische Realität.
Wenn wir den Zionismus analytisch ablehnen, warum stellen wir unseren Antizionismus dann nicht in den Vordergrund der politischen Kampagnen in Israel?
Darüber hinaus haben wir Verbündete in Israel und auf der ganzen Welt, die dieselben grundlegenden politischen Ziele verfolgen wie wir: Selbstbestimmung für das palästinensische Volk, das Ende der Besatzung, Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates neben Israel und Ablehnung jeglicher Diskriminierung von Palästinenser*innen in Israel.
Einige dieser Verbündeten betrachten sich selbst als Zionist*innen, da sie ein minimalistisches Verständnis von Zionismus vertreten – Selbstbestimmung für eine jüdische Gemeinschaft in Israel. Dieses Recht wurde von der internationalen Gemeinschaft im Teilungsplan für Palästina von 1947 anerkannt und vom Staat Israel selbst verwirklicht.
Wir lehnen dieses Recht nicht ab, doch wie Friedrich Engels sagte: »Ein Volk, das ein anderes unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren.« Israel verweigert den Palästinenser*innen nach wie vor das Recht auf Selbstbestimmung – das Recht auf einen unabhängigen palästinensischen Staat mit echten Grenzen und ein Ende des Leidens. Wir müssen mit jenen zusammenarbeiten, die an die Rechte beider Völker glauben – und einige von ihnen sind Zionist*innen.
Wir wissen auch, dass eine politische Lösung nicht dann zustande kommen wird, wenn die jüdischen Israelis den Zionismus ablehnen, sondern wenn sie zu der Erkenntnis gelangen, dass ihre kollektiven und individuellen Interessen im Frieden liegen. Wir sind Materialist*innen – wir vertreten die Auffassung, dass der Zionismus als Ideologie erst dann überwunden sein wird, wenn wir beginnen, seine materielle Grundlage, nämlich Apartheid und Kolonialisierung, abzubauen.
Daher muss unser Fokus auf praktischen Maßnahmen gegen diese Realität liegen – und nicht auf symbolischer Politik der Verurteilung. Im Falle Deutschlands bedeutet dies, sich für konkrete Maßnahmen einzusetzen, wie den Boykott von Waren aus Siedlungen in der Westbank, die Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel und ein vollständiges Verbot von Waffenlieferungen an Israel. Diese Maßnahmen könnten den Zionismus viel stärker herausfordern als die Übernahme des Etiketts »antizionistisch«.
Dieser Artikel erschien am 07.05.2026 in Neues Deutschland.