
“Activestills: Photography as Protest in Palestine/Israel”, hrsg. von Vered Maimon und Shiraz Grinbaum, Pluto Press, London 2016, 296 Seiten
Es fällt schwer, sich die letzten zwölf Jahre ohne die Fotograf*innen der Gruppe Activestills vorzustellen. Ihre Bilder, mit denen sie die Demonstrationen in den palästinensischen Dörfern Bil’in und Na’alin in der Westbank festgehalten haben, ihre Aufnahmen von der Räumung der armen Bewohner*innen des Stadtquartiers Givat Amal in Tel Aviv, ihre Bilder von der Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt, sowie von verschiedenen sozialen Protestbewegungen in Israel haben viele von uns begleitet – wir kennen sie von Plakaten, sie haben eine große Anhängerschaft in den sozialen Netzwerken gefunden, wurden von Nachrichtenagenturen verbreitet und selbst in den etablierten Medien veröffentlicht, wie zum Beispiel in der Tageszeitung Haaretz und auf der Nachrichtenseite Walla. Wäre die Activestills-Fotografin Keren Manor etwa am 18. Januar nicht in Umm al-Ḥīrān, einem staatlich nicht anerkannten Beduinendorf in der Negevwüste, zugegen gewesen, dann wären wahrscheinlich die Vorwürfe, die dort gegen Abu al-Qiyan, einen Anwohner, erhoben wurden, niemals entkräftet worden. Ohne Activestills wäre Qiyan vermutlich der Öffentlichkeit als ein Terrorist in Erinnerung geblieben, als jemand, der gezielt den israelischen Polizisten Erez Levi überfahren hat – und nicht als das unschuldige Opfer von Sicherheitskräften, das er in Wahrheit war. (Qiyan hatte die Kontrolle über sein Auto verloren und war auf Levi zugerast, nachdem Sicherheitskräfte auf ihn geschossen hatten. Sowohl Qiyan als auch Levi überlebten diesen Vorfall nicht.)

Die Bilder von Activestills sind Teil der imaginären Kollektivität in diesem Land. Zugleich hat der Ansatz dieser Gruppe das Feld des “Fotojournalismus” ausgeweitet und grundlegend verändert, man könnte sogar sagen transzendiert. Der Band “Activestills: Photography as Protest in Palestine/Israel,” herausgegeben von Vered Maimon, Dozentin am Fachbereich Kunstgeschichte der Universität von Tel Aviv, und Shiraz Grinbaum, Activestills’ Kuratorin und Fotoeditorin, bietet uns eine vorläufige Bilanz ihrer Aktivitäten. Das in englischer Sprache erschienene Buch betont und analysiert die Besonderheit dieses Kollektivs von Fotograf*innen mithilfe von Dutzenden von Bildern, die aus dem Archivbestand von mehreren Zehntausenden ausgewählt wurden. Die auf hochwertigem Papier gedruckten großformatigen Fotos sind wunderschön – und zugleich bittersüß.

Das Buch zeigt, wie Activestills in allen denkbaren Aspekten des Fotojournalismus in unserem Teil der Erde eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Von Anfang an distanzierten sich die Mitglieder des im Jahr 2005 von den Dokumentarfotograf*innen Keren Manor, Oren Ziv, Yotam Ronen und Eduardo Soteras gegründeten Kollektivs von der weitverbreiteten Illusion, es gäbe so etwas wie eine objektive und neutrale Fotografie, die mithilfe der Linse die Realität eines politischen Ereignisses erfasst, ohne dass man als Fotograf oder Fotografin in irgendeiner Verbindung dazu steht oder irgendeine Absicht mit dem Fotografieren verfolgt. Stattdessen erklärten sie, für sie sei Fotografie ein Mittel zur Gesellschaftsveränderung, sie wollten sich mit ihrer Tätigkeit und ihren Bildern am Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung in seinen vielfältigen Formen beteiligen: gegen die Besatzung, gegen Rassismus, gegen Einschränkungen der Freiheit und Verstöße gegen Bürger- und Menschenrechte.

Dementsprechend richtet sich ihre Arbeit nicht an eine abstrakte Öffentlichkeit, die nichts mit den dokumentierten Ereignissen zu tun hat und sich lediglich Fotos anschaut, um das Bedürfnis nach Information oder Nervenkitzel zu befriedigen. Ihre Fotografie ist in erster Linie für engagierte Initiativen und Communities bestimmt, und die Mitglieder von Activestills verstehen sie als ein Gegenwicht zur Bildproduktion von staatlichen Institutionen wie Polizei und Armee, aber auch zur gängigen Pressefotografie. Ihre Fotos sollen für den Kampf gegen Unterdrückung einen konkreten Nutzen haben: als Dokumentation gesellschaftlicher Opposition, als Instrument, um damit Bewusstsein zu schärfen, und als Mittel, um die Menschen visuell und gedanklich anzuregen.

Es ist eine intime Form der Fotografie, denn die Fotograf*innen kehren immer wieder zu den altvertrauten Konflikten und Orten zurück und zu den Aktivist*innen, mit denen sich häufig auf Grundlage der gemeinsamen Anliegen Freundschaften entwickelt haben. Selbst ihre Bilder kehren häufig auf eine eigenwillige Weise zu den Schauplätzen zurück, an denen sie aufgenommen wurden. Bemerkenswert ist zudem, dass die Fotograf*innen immer noch als ein Kollektiv arbeiten. Oftmals kennzeichnen sie ihre Fotos nicht individuell, sondern veröffentlichen sie im Namen von Activestills, was Ausdruck des aktivistischen Anspruchs der Gruppe ist.
Die Herausgeber*innen des vorliegenden Bands waren bestrebt, diese Arbeitsweise aufzugreifen und weiterzuführen. Er bietet keine strukturierte Erzählung, mit der die Arbeiten von Activestills aus der Perspektive einer einzelnen externen akademischen oder journalistischen Autorität heraus beurteilt werden. Stattdessen enthält das Buch kurze Essays, die verschiedene Sichtweisen widerspiegeln, viele stammen von den Beteiligten selbst. Es finden sich Kommentare von den Fotograf*innen, Dialoge zwischen ihnen und den von ihnen Fotografierten sowie kurze Statements von einigen Aktivist*innen zu Aufnahmen, auf denen sie selbst zu sehen sind. Das Ganze wird ergänzt durch eine Reihe von eher theoretischen Texten.

Der interessanteste Aspekt des Buches ist jedoch die facettenreiche und besondere Art, wie die Fotos präsentiert werden. Manche tauchen mehrmals im Buch auf: zunächst als abgeschlossene und unabhängige Einheit, die in Originalform abgedruckt ist; dann kehren die Fotos zum Ort des Geschehens zurück, und wir sehen sie, wie sie von Demonstrant*innen hochgehalten werden, danach, wie sie an einer Wand hängend von Passant*innen betrachtet werden, und dann noch einmal mit bösartigen Sprüchen übersprüht. In einer weiteren Abbildung wird ein Gemälde gezeigt, das nach Vorlage eines der Fotos entstanden ist. Der Band erlaubt es den Leser*innen und Betrachter*innen auf diese Weise, die Geschichte von einzelnen Fotos und deren Interaktion in verschiedenen sozialen und gesellschaftlichen Räumen nachzuvollziehen.

Ein Beispiel hierfür ist die Aufnahme von Bassem Ibrahim Abu Rahmah, einem palästinensischen Aktivisten, der sich zusammen mit anderen gegen die Sperranlage im Dorf Bil’in in der Westbank zur Wehr setzte. Er wurde im Jahr 2009 während einer Protestaktion von der israelischen Armee erschossen. Nach seinem Tod verwendeten Aktivist*innen ein Activestills-Foto, auf dem er einen Drachen haltend direkt neben der Mauer bei einer früheren Demonstration zu sehen ist, um damit ein auffälliges Plakat in leuchtenden Farben in Gedenken an ihren Freund Bassem zu gestalten.

Das Plakat war eine Zeitlang an allen Mauern und Wänden in der Westbank zu sehen und tauchte auch in diversen Protestdemonstrationen auf. Im Buch sind all die verschiedenen Existenzformen des Fotos nebeneinander abgebildet und erzählen so die Geschichte von der Transmigration von Symboliken und Bildersprachen in politischen Kämpfen, die immer auch Kämpfe um die Verbreitung bestimmter Vorstellungen und Bilder sind.

Von daher kann man sagen, dass die Fotografie der Gruppe Activestills ein Aufruf zum Widerstand ist. Wenn man durch das Buch blättert, dann bekommt man den Eindruck, das ganze Land sei rund um die Uhr ein einziger großer Kampf: Es dokumentiert unzählige, zum Teil wiederkehrende Demonstrationen und Protestaktionen zu ganz unterschiedlichen Anlässen und Themen. Aber das Jahr 2005, in dem das Kollektiv seine Arbeit aufnahm, markierte auch das Ende der zweiten Intifada. Es war das Jahr, in dem der palästinensische Widerstand eine entscheidende Niederlage erlitt. Seitdem ist ihm jegliche Kraft abhandengekommen. Ähnlich schlecht ist es um den gemeinsamen Kampf von jüdischen und arabischen Menschen diesseits und jenseits der Grünen Linie (der Grenze von 1967) bestellt. Er ist auf einige wenige kleine Widerstandsnester beschränkt. Selbst die kritischen jüdischen Stimmen und Proteste in Israel werden kaum noch zur Kenntnis genommen. Das “Feld”, wie es Militärexperten zu nennen pflegen, scheint ruhiggestellt – und zwar nicht, weil sich die allgemeinen Lebensbedingungen für die Palästinenser*innen und die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zwischen Fluss und Meer in den vergangenen zwölf Jahren zum Besseren gewendet hätten.

Zuweilen erinnert das Buch an eine Art Familienalbum einer kleinen, besonderen Gruppe von Menschen, wobei aufgrund der sorgfältigen Auswahl und Präsentation der Fotos jede und jeder an ihre bzw. seine besten Momente – mittendrin in der Aktion, voller Leidenschaft und Kühnheit – erinnert wird. Auch die Fotos selbst werden von ihrer besten Seite gezeigt: frontal, gestochen scharf, mit starker Ausstrahlung. Es ist keine einzige misslungene oder fehlerhafte Aufnahme dabei. Damit hinterlässt das Buch jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit, weil der hier in beeindruckenden Fotos dargestellte Widerstand in einem solch eklatanten Missverhältnis zu den gegenwärtigen verzweifelten Protestversuchen weniger israelischer und palästinensischer linker Aktivist*innen zu stehen scheint.

Obwohl die Fotografie von Activestills nicht einfach die Wirklichkeit widerspiegelt, sondern die Betrachter*innen wachrütteln will, kommt man fast nicht umhin zu fragen, warum trotz der unbestrittenen besonderen Qualität und der weiten Verbreitung ihrer Bilder damit kein “politisches Erwachen” verbunden ist, warum sie keine Aufbruchsstimmung erzeugen, selbst nicht in denjenigen Kreisen, die dem Kollektiv besonders nahestehen. Welche Schwäche verbirgt sich in den Bildern trotz ihrer nach außen dokumentierten Stärke? Und es drängt sich eine weitere Frage auf: Wie bildet man fotografisch eigentlich Erschöpfung, Schwäche und Hoffnungslosigkeit ab? Ist es eigentlich möglich, Bilder für nicht geführte Kämpfe, für die Desillusionierung vieler Linker, für ihr Abdriften in geschlossene Zirkel oder für die Hoffnung auf ein Wunder zu finden?
Shaul Setter ist Hauptkunstkritiker der Tageszeitung Haaretz. Er hat einen Doktortitel in Vergleichender Literaturwissenschaft der University of California, Berkeley. Er schreibt derzeit an einem Buch über (neo-) modernistische ästhetisch-politische Projekte in Europa und Israel/Palästina.
Der Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung Haaretz auf Englisch und Hebräisch
(Übersetzt von Britta Grell, TEXT-ARBEIT)
Zum Weiterlesen
Webseite des Kollektivs Activestills