Seit dem 7. Oktober nimmt der Diskurs über den jüdischen Siedlerkolonialismus in Palästina zu. Der Zionismus und der Staat Israel seien beide, so die Behauptung, ein siedlerkolonialistisches Projekt. An nordamerikanischen Universitäten, sowohl im akademischen Feld als auch unter propalästinensischen Aktivist*innen, ist das längst keine Randposition mehr, sondern der maßgebliche Interpretationsrahmen. Für viele Israelis ist diese Auffassung der Dinge schwer zu verdauen, da sie eine klare Trennung zieht zwischen einheimischen Palästinenser*innen und siedelnden Israelis. Wir sind dazu aufgefordert, diesen Gegensatz ernsthaft zu diskutieren: Ist es wirklich so, dass alle Israelis letztlich Siedler*innen sind, während nur Palästinenser*innen indigen sein können? Und schließt eine historische Verbindung zu diesem Land eine Beteiligung am siedlerkolonialistischen Projekt der Gegenwart aus?
Um sich dieser doppelten Frage anzunähern, muss zuerst einmal genauer unterschieden werden zwischen einer historisch gewachsenen Verwurzelung im Land und dem Siedlerkolonialismus als politischer Praxis. Indigenität – so wie dieser Begriff im öffentlichen Diskurs gehandhabt wird – stellt sich als eine Behauptung von Ursprünglichkeit, Alteingesessenheit sowie historischem Vorrang dar. Siedlerkolonialismus basiert demgegenüber nicht auf einem Ursprungsnarrativ, sondern auf Macht. Hierbei geht es um die Besiedelung eines bereits bewohnten Landes. Eine neu in das Land kommende Gruppe von Menschen versucht mittels Enteignung, Vertreibung, Exklusion und Unterdrückung der Einheimischen eine neue politische Ordnung zu schaffen. Die zentrale Frage kann nicht sein, wer zuerst da war, sondern welches Regime von wem und auf wessen Kosten etabliert wurde.
Zumeist verdrängen Siedlergesellschaften die indigene Bevölkerung in irgendeiner Art und Weise. Besiedlung ist nicht bloß eine Bewegung im Raum, sondern vor allem die Institutionalisierung von Macht. Sie realisiert sich in der Konzentration von Ressourcen, der Schaffung administrativer Hoheit, der Verfügung über Boden sowie der Regulation von Recht und Ökonomie. Es ist insbesondere die Bodenfrage, das heißt die Entscheidung darüber, wem welche Rechte an welchem Stück Land zukommen, an der sich dies zeigt. In diesem Sinne trägt das Paradigma des Siedlerkolonialismus erheblich zum Verständnis der politischen und sozialen Realität zwischen Jordan und Mittelmeer bei. Es trägt zur Erklärung der Gründe für die Enteignung der Palästinenser*innen bei sowie der Apartheit, der jüdischen Suprematie und des fortwährenden Bestrebens, das Land zu judaisieren.
Der allgemeine Diskurs über den Siedlerkolonialismus bleibt jedoch oft oberflächlich. Er setzt zwei eindeutig voneinander getrennte Gruppen voraus: Auf der einen Seite, die sogenannten Siedler*innen, und auf der anderen, die sogenannten Einheimischen. Für mich, als Palästinenser und als Wissenschaftler, besteht kein Zweifel daran, dass der israelische Staat ein siedlerkolonialistisches Projekt verfolgt. Diese Perspektive ist die analytisch präziseste zur Beschreibung dessen, was in Israel/Palästina geschieht. Genau aus diesem Grunde halte ich es nur für angebracht, Augenmerk auf die orientalistischen Bedeutungen zu richten, die in dem Begriff „indigen“ stecken. Wer ist indigen? Etwa der edle Wilde, der erdverbundene Bauer, der die Wüste durchziehende Beduine oder der antike Jude? Die Frage nach der Ursprünglichkeit sitzt im Herzen des zionistisch-palästinensischen Konflikts. Es handelt sich hier um subjektive Vorstellungen und die Inanspruchnahme von Authentizität.
Die Zionist*innen haben das Konzept der Indigenität mehr als einmal als Rechtfertigung für die alleinige Vorherrschaft der Juden*Jüdinnen missbraucht. Diese werden als antikes Volk präsentiert, das in sein Land zurückkehrt. Der Zionismus wird beschrieben nicht als Kolonialismus, sondern als nationale Befreiungsbewegung. Diese Behauptung basiert auf dem biblischen Narrativ des verheißenen Landes und der Rückkehr nach Zion; sie versucht die Juden*Jüdinnen als „natürliche“ Eigner*innen des Landes darzustellen.
Das Adjektiv „jüdisch“ funktioniert in diesem Kontext ähnlich wie die Zuschreibung „christlich“ bezüglich europäischer Kolonialsysteme. Dieses Adjektiv beschreibt die Angehörigen einer politisch privilegierten Gruppe. Der Argumentation von Ron Naiweld zufolge, finde sich die Identifikation des Siedlervolkes mit dem biblischen Volk auch in anderen Kolonialprojekten wieder. Demgegenüber beanspruchen die Palästinenser*innen eine rezentere Form der Indigenität; sie blicken auf mehrere Jahrhunderte des ununterbrochenen Lebens in diesem Land zurück, und mitunter sogar bis auf antike Zeiten.
Sobald man die geschichtlichen Verläufe in ihrer Breite betrachtet, wird allerdings klar, dass dieses Land immer schon eine Kreuzung von Völkern und Imperien gewesen ist – von den Kanaanäern über die Ottomanen bis zu den Europäern. Selbst die Antike vermag keinen festen und eindeutigen Ausgangspunkt zu liefern. Deshalb muss der Versuch, die Konflikte der Gegenwart durch ein Wettrennen um die antike Geschichte zu entscheiden, notwendigerweise in einer Sackgasse enden. Ebenso wenig können Stammbäume oder DNA-Stränge etwas Substanzielles zur Lösung des Problems beitragen.
Die Schlussfolgerung hiervon muss sein, dass die Frage der Ursprünglichkeit sich nicht an einem historischen Maßstab messen lässt, sondern politisch motiviert ist. Über die meiste Zeit hinweg wurde der israelisch-palästinensische Konflikt nicht als ein Gegensatz von Einheimischen und Siedler*innen begriffen. Im Zentrum stand die Konfrontation zweier Nationalbewegungen, das heißt des Zionismus mit der palästinensischen Nationalbewegung und zwischenzeitlich der panarabistischen Bewegung. Der Ursprungsdiskurs wurde erst relativ spät zu einem Teil der Arena.
Er hat jedoch erhebliche Konsequenzen. Wenn man Indigenität als „kulturelle Reinheit“ versteht, dann kommt das dem Legen einer Falle gleich: Anstelle dessen, dass die kollektiven Rechte einer Gruppe aus politischer Notwendigkeit anerkannt werden, wird von dieser verlangt, die Starrheit ihrer Kultur nachzuweisen. Denn nur so könne sie überhaupt Rechte beanspruchen. Derart ist es zum Beispiel den Beduinen widerfahren, als deren Anerkennung als indigene Bevölkerung zum Kulturerhalt umgedichtet wurde, der mit der rechtlichen Verankerung von Bodenansprüchen und regionaler Souveränität nichts mehr zu tun hatte. Der Begriff des Einheimisch-Seins muss deshalb kritisch unter die Lupe genommen werden.
Wer ist ein Siedler? Im Gegensatz zum Einheimischen, der in historischen und kulturellen (symbolischen) Termini definiert werden kann, wird der Siedler vor allem durch sein Handeln bestimmt. Der Unterschied zwischen dem Gast, dem Migranten oder dem Einwohner auf der einen und dem Siedler auf der anderen Seite besteht nicht in etwas Biologischem, sondern darin, welche Position sie innerhalb eines bestimmten Raums einnehmen. Bezüglich des Siedlers*der Siedlerin ist die entscheidende Frage, ob er*sie sich in eine gegebene Gesellschaft integriert oder sie zu verdrängen sucht. Mit anderen Worten: Wird er*sie an der Seite der Einwohner*innen des Landes leben können oder wird er*sie ein Regime errichten, das sie exkludieren und vertreiben oder sogar vernichten wird? Siedlung ist eine politische Kategorie, die mit Macht, Boden, Arbeit und Souveränität zusammenhängt.
Die eben angesprochene Unterscheidung verdeutlicht sich an dem Fall der Juden*Jüdinnen, die bereits vor dem Britischen Mandat in Palästina und dem Ottomanischen Reich gelebt hatten. Mit der Entwicklung des Zionismus wurde die Idee der Rückkehr ins Land Israel in das Projekt des Jischuws (dt. Siedlung) umgewandelt. Innerhalb dieses Deutungsrahmens wurden selbst die, die sich nicht für den Zionismus engagierten, allmählich in diesen hineingezogen. Die Argumentation für eine jüdische Indigenität kann den Begriff des Kolonialismus als Analyseinstrument nicht aufheben. Aber sie können und müssen parallel laufen, denn es ist sehr wohl möglich, die tiefe historische, religiöse und kulturelle Verbindung der Juden*Jüdinnen zu diesem Land anzuerkennen und doch zugleich dafür einzustehen, dass die israelische Souveränität so gesehen wird, wie sie sich in der Praxis ausgestaltet hat, nämlich als ein Regime der Besiedlung, Enteignung und Herrschaft. Anders gesagt: Die historische Verbindung zum Land ist kein Freispruch von politischer Verantwortung.
Wenngleich „Siedler*in“ und „Einheimische*r“ politische Positionen bezeichnen, die innerhalb eines Machtverhältnisses entstehen, so handelt es sich hierbei jedoch nicht notwendigerweise um stabile Kategorien. Mahmood Mamdani schlägt vor, dass man diese Kategorien als interdependente betrachtet. Von diesem Blickwinkel aus gesehen ist die Frage nicht mehr länger die, wer Siedler*in und wer Einheimische*r sei. Vielmehr geht es nun darum, herauszufinden, welche politische Ordnung der Grund dieser Unterscheidung ist und wie eine Veränderung jener auch die Bedeutung dieser verändern könnte. Der Ausweg aus der Binarität dieser Unterscheidung ist nur möglich, indem die Realität des Kolonialismus anerkannt wird. Ausgehend von der Anerkennung dieser Realität lässt sich über eine wirkliche Dekolonialisierung nachdenken. Diese wäre eine politische Vorgehensweise, die die Hegemonie des einen Bevölkerungsteils und die Enteignung und Vertreibung des anderen stoppt und rechtliche und soziale Gleichheit schafft.
Vielleicht besteht die Lösung auch darin, dass man überhaupt aufhört in den Kategorien „Siedler*in“ und „Einheimische*r“ zu denken und sich stattdessen der Konzeptualisierung einer anderen politischen Identität widmet, die jenseits dieser Binarität liegt. Raef Zreik schlägt vor – und er ist mit diesem Vorschlag nicht alleine –, dass man an einem egalitären Aufenthaltsrecht arbeiten müsse, das einen auf einer vermeintlich partikularen Verbindung zum Land basierenden Machtanspruch verhindert. Die etwa in Südafrika, Nordirland und Neuseeland gewonnenen Erfahrungen lehren uns, dass man die Rahmenbedingungen ändern kann, ohne (die Erinnerung an) die Geschichte ausradieren zu müssen, nämlich durch die Anerkennung unterdrückter Volksgruppen, die Korrektur gemachter Fehler, der Gewährung von Autonomie und politischer Repräsentation, Restitution sowie durch Entschädigungsleistungen.
Um die zwischen den Kategorien „Siedler*in“ und „Einheimische*r“ waltende Dialektik auszuhebeln bedarf es der Einsicht, dass es sich bei ihnen nicht um essenzielle Identitäten handelt, sondern um politische Positionen. Hiervon leitet sich auch die auf sich zu nehmende Verantwortung ab, die allem voran denen zukommt, die vom gegenwärtigen Regime profitieren. Durch die Behauptung historischer Ursprünglichkeit können die Israelis dem Kolonialismusdiskurs nicht entkommen. Hierzu würde ihnen nur die Aufgabe der Praktiken verhelfen, die sie zu Siedler*innen machen, so zum Beispiel die Durchsetzung jüdischer Suprematie, die Enteignung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung sowie die Verleugnung der historischen Rechte der letzteren. Mit der zunehmenden Abschaffung dieses Regimes würde auch jene Binarität zunehmend an Bedeutung verlieren, nicht weil das Gedächtnis der Geschichte verschwände, sondern weil die politische Ordnung sich verändern würde.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 1. Juni 2026 im Online-Magazin Sabra veröffentlicht.
Aus dem Hebräischen übersetzt von Christoph Hopp