Al-Madhoun wurde in Gaza geboren und wuchs dort auf. Er gründete zusammen mit Jamal Al-Razi and Marianne Bloom das „Theatre for Everybody“ und arbeitete im Rahmen dramatherapeutischer Projekte als auch als Kinderschutzexperte mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Nach dem 7. Oktober 2023 gelang es ihm, am 12. April 2024 mit seiner Familie Gazastreifen zu verlassen. Heute lebt er in Kairo und setzt von dort aus seine künstlerische Arbeit fort. In dem neuen Filmprojekt Gaza: Eyewitnesses stellen er und fünf weitere palästinensische Künstler*innen die Realität eines Alltags unter ständiger Todesgefahr ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Hossam, wenn du das Filmprojekt in wenigen Sätzen beschreiben müsstest – wie würdest du es tun?
Als Palästinenser – noch bevor ich Schauspieler oder Autor bin – begreife ich das Filmprojekt als Raum, um meine Geschichte zu erzählen und Menschen zu erreichen. Denn es gibt nur sehr wenige öffentliche Räume für palästinensische Narrative. Das ist für mich das Wichtigste.
Du bist nicht nur Palästinenser, du kommst auch aus Gaza. Kannst du uns erzählen, wie du den Krieg in Gaza erlebt hast?
Am 7. Oktober wachte ich um vier oder fünf Uhr morgens auf, weil im Haus ein riesiger Tumult herrschte. Ich ging hinaus und hörte von dem Angriff der Hamas auf Israel. Ich versuche immer zu vermeiden, mir gewaltvolle Bilder anzusehen. Ich verfolge die Nachrichten, indem ich sie höre, nicht, indem ich sie anschaue. Gewalt zu sehen finde ich schwer auszuhalten. Ich wusste, dass nach diesem Angriff nichts mehr so sein würde wie zuvor. Ich wusste, dass die Vergeltung dafür anders sein würde als in den Kriegen von 2008/2009, 2014, 2021 und 2023. Es herrschte echte Panik. Innerhalb von drei Tagen zwangen die Israelis die Menschen im Norden Gazas, ihre Häuser zu verlassen, beziehungsweise verbreiteten eine entsprechende Anordnung, Richtung mittlerer Gazastreifens zu gehen. Aus Sorge um unsere Sicherheit beschlossen meine Frau und ich, zu gehen. Unsere Tochter war zu diesem Zeitpunkt im Libanon; sie war zum ersten Mal von zu Hause fortgegangen, um ihren Master in Menschenrechten zu machen. Wir brachen am 12. Oktober auf, Richtung mittlerer Gazastreifen. Im November zogen wir weiter nach Rafah, und im April gingen wir nach Ägypten. Seitdem leben wir in Kairo.
Im Filmprojekt trägst du eigene Texte vor. Hast du sie eigens für den Film geschrieben, oder sind sie bereits während des Krieges entstanden?
Wenn Krieg ist, schreibe ich. Ich schreibe meist nicht viel, aber in Kriegszeiten schreibe ich fast jeden Tag. In jedem Krieg, der gegen Gaza geführt wurde, habe ich geschrieben. Weißt du, in solchen Zeiten fühlt man sich vollkommen allein, vor allem, weil man in den internationalen Medien nicht vorkommt. Die Tötung von Zivilist*innen wird nicht verurteilt, und aus demAusland rufen nur wenige Freunde an, um zu fragen, wie es dir und deiner Familie geht. Wer mich vor allem anruft ist mein Freund, der Theaterregisseur Jonathan Chadwick. Er war stets der Erste, der sich meldete und sich nach mir erkundigte. Wenn er anrief, war ich meist so aufgewühlt, dass ich nicht sprechen konnte. Deshalb begann ich aufzuschreiben, was ich fühlte, erlebte, beobachtete. Ich schrieb es auf Englisch und teilte die Texte mit ihm. Das habe ich bisher in jedem Krieg getan, und so entstanden etwa 20 bis 30 Berichte. Während des Genozids schrieb ich fast jeden Tag. Diesmal verfasste ich mehr als 160 Tagebucheinträge und Zeugnisse über mein Leben während des Genozids. Geschrieben habe ich sie vor allem, um sie mit Jonathan zu teilen. Weil dieser Krieg jedoch Bezüge zu vielen anderen Ländern hatte, begannen Menschen aus diesen Ländern, Kontakt zu mir aufzunehmen. Nach und nach teilte ich meine Texte mit immer mehr Menschen, darunter Freund*innen aus Frankreich, Großbritannien, den USA, Belgien, Norwegen und Schweden. Meine Geschichten, die im Film vorkommen, sind nur ein Ausschnitt all der Texte, die ich während des Krieges geschrieben habe.
Kannst du eine der Geschichten, die du im Film erzählst, mit uns teilen?
Eine der Geschichten handelt von Geräuschen. Normalerweise achtet man kaum auf die kleinen Geräusche um sich herum, sondern nur auf jene, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die laut sind oder auf die man bewusst zu hören versucht. Im Krieg aber sind die Sinne aufs Äußerste geschärft, weil Geräusche in einem bestimmten Moment über Leben und Tod entscheiden können: Man hört Gewehrsalven, Artilleriebeschuss, Bombardierungen, Explosionen. Nachts, wenn es keinen Strom gab, weil er vollständig abgestellt worden war, konnte meine bettlägerige Mutter vor Angst wegen des Krieges nicht schlafen. Ich machte mir große Sorgen um meine Familie. Ein großer Teil davon war in Gaza-Stadt geblieben und nicht in den Süden gegangen. In diesen Nächten konzentrierte ich mich auf die Geräusche um mich herum. Wenn es still war, konnte ich viele Geräusche hören, die nichts mit dem Krieg zu tun hatten. Ich hörte zum Beispiel Blätter und Zweige, die sich im Wind bewegten, ein weinendes Kind, ein Baby und seine Mutter, Vögel, die in ihre Nester zurückkehrten. All diese Geräusche beruhigten mich: Die Geräusche bedeuteten Leben für mich. Doch dieser Krieg brachte die Geräusche des Todes mit sich. Plötzlich kamen die Geräusche von Raketeneinschlägen, von Bomben oder Schüssen, und all diese lebendigen Geräusche wurden unterbrochen, ausgelöscht. Das war eine Erfahrung, die man an normalen Tagen, wenn kein Krieg herrscht, nicht macht. Wenn man in der Natur zeltet, ist man vielleicht überrascht vom Plätschern eines Baches, vom Muhen einer Kuh in der Ferne, dem Gesang eines Vogels oder dem Rascheln der Blätter – Geräusche, die man in der Stadt normalerweise nicht hört.

Der Film entstand in Zusammenarbeitmit palästinensischen Künstler*innen, die aus verschiedensten Regionen kommen. Wie war diese Erfahrung für dich?
Das war großartig. Großartig in vielerlei Hinsicht. Zunächst einmal, weil wir unter Besatzung leben, die verhindert, dass wir miteinander in Kontakt treten. Ramallah, Haifa oder Jerusalem sind unerreichbar für mich. Und die Palästinenser*innen dort können nicht nach Gaza kommen. Und wir können nicht zu ihnen. Als Künstler*innen kennen wir einander nur aus den Medien. Wir lesen voneinander, sehen die Arbeiten der anderen im Fernsehen oder in den sozialen Medien. Aber wir treffen einander nie, arbeiten nie zusammen. Mit dem Filmprojekt ging ein Traum in Erfüllung. Es war unglaublich wertvoll zu erleben, wie diese Künstler*innen denken, wie sie Kunst begreifen. Es gab so viele Augenzeugenberichte, und sie konnten nicht alle in einem einzigen Film Platz finden. Salwa Naqara und ich haben die Berichte gemeinsam bearbeitet und die endgültige Auswahl dessen getroffen, was im Film gezeigt werden sollte. Außerdem arbeitete ich mit den Schauspieler*innen an ihrem Akzent, damit ihr Arabisch stärker nach Gaza klang. Es war ein vielfältiger, intellektueller und kreativer Prozess. Ich habe jede Minute davon genossen.
Der Großteil der Arbeit am Film und der Vorbereitung der Dreharbeiten fand über Zoom statt, gedreht wurde dann aber in Berlin. Leider warst du der Einzige, der nicht dabei sein konnte, weil du kein Schengen-Visum erhalten hast. Wie hat sich das auf deine Beteiligung am Projekt ausgewirkt?
Hat es sich auf meine Beteiligung ausgewirkt? Nun, am Ende haben wir es trotzdem geschafft. Der Kameramann, Aleko [Gotscheff], und ein weiterer an dem Film beteiligter Künstler, Ahmad Tobasi, kamen nach Ägypten, und wir drehten meine Szenen hier. Aber es hat mich verletzt [dass ich kein Visum erhalten habe]. Ich bin Künstler. Ich bin oft nach Europa und in die USA gereist, und auch in viele andere Länder. Wo immer ich war, habe ich mich stets an die Gesetze gehalten, und ich hatte erwartet, mit mehr Respekt behandelt zu werden – als Mensch, als Palästinenser und als Künstler. Ich hatte das Gefühl, dass wir abgewiesen wurden. Wir werden nicht als gleichwertige Menschen behandelt. Das war wirklich unfair, ungerecht und nicht angenehm.
Kommen wir zu den Augenzeugenberichten im Film. Sie sind bedrückend, traurig, stellenweise kaum auszuhalten. Zugleich gibt es in dem Film auch humorvolle Episoden. Zum Beispiel wird ein Fest zu Ehren der Esel veranstaltet, die während des Krieges in Gaza zu den besten Freunden und Helfern der Menschen wurden, weil es keinen Treibstoff für Fahrzeuge gibt. Warum war es dir und den anderen Teammitgliedern wichtig, auch Humor im Film zu zeigen?
Glaubst du, dass die zwei Millionen Menschen, die noch in Gaza sind, rund um die Uhr weinen? Sie leben noch immer, trotz allem. Sie haben einen Alltag. Sie lachen und machen Witze darüber, wie sie nach Trinkwasser suchen oder in Schlangen auf Essen warten. Sie unterhalten sich, sie sprechen miteinander, sie leben. Sie machen sich über ihre Katastrophen und ihren Schmerz lustig, um all das verarbeiten und weiterleben zu können. Und sie tun das auf sehr unterschiedliche Weise. Das Dankesfest für die Esel hat wirklich stattgefunden; organisiert hat es mein Freund Mustafa Nabih, der Theater- und Fernsehregisseur ist. Es gab ein Fest und einen roten Teppich [für die Esel]. Mustafa hat das organisiert, um zu zeigen: Wir sind Menschen, und wir leben.
Alle Künstler*innen, die ich in Gaza kenne – egal, ob Maler*innen, Musiker*innen, Tänzer*innen, Clowns, Theatermacher*innen oder Schriftsteller*innen –, machen weiter Kunst, vor allem mit Kindern und Frauen. Sie haben nie aufgehört. Die Menschen heiraten und bekommen Kinder. Sie leben weiter. Leider mussten sie sich an Umstände anpassen, an die sich niemand anpassen müssen sollte: Sie leben in Zelten statt in ihren Häusern, sie legen weite Strecken zurück, um Wasser zu holen, statt einfach den Wasserhahn aufzudrehen; sie essen eine einzige Mahlzeit am Tag statt drei; sie stehen stundenlang Schlange, um Hilfsgüter zu bekommen, statt zur Arbeit zu gehen; sie müssen gegen ihre Angst ankämpfen, statt in Frieden zu schlafen. Aber sie sind am Leben. Also leben sie weiter. Sie machen Liebe und sie reißen Witze über das, was sie durchmachen müssen, um es aushalten zu können. Sonst würden sie zusammenbrechen. Sonst wäre alles umsonst. Sie sind einfach Menschen.
Der Film wird derzeit an verschiedenen Orten in Deutschland und Großbritannien gezeigt und soll bald auch an weiteren Orten weltweit zu sehen sein. Oft kannst du per Zoom an den anschließenden Publikumsgesprächen teilnehmen. Wie wurde der Film bisher aufgenommen?
Er wurde sehr gut aufgenommen. Die Menschen fanden ihn sehr bewegend. Die meisten Reaktionen, die ich in den Gesprächen nach den Vorführungen erlebt habe, waren von Mitgefühl, Unterstützung und Verständnis geprägt. Bei der Filmvorführung in London sprach eine Frau an, was den Juden während des Holocaust widerfahren ist. Der Holocaust war furchtbar, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und ist nicht zu leugnen oder in irgendeiner Weise gutzuheißen. Ich sagte der Frau, dass Juden damals durch die nationalsozialistische Propaganda entmenschlicht wurden. Dass es für deutsche Soldaten und ihre Kollaborateure dadurch leichter wurde, unschuldige Menschen zu töten, weil sie sie nicht als Menschen sahen. Leider ist es heute in gewisser Hinsicht ähnlich: Die meisten Israelis entmenschlichen die Palästinenser*innen. Sie behaupten, es gebe in Gaza keine Unschuldigen. Sie sagen, sie seien keine Menschen. Diese Entmenschlichung hat es israelischen Soldaten erleichtert, Gaza zu bombardieren und dort Menschen zu töten. Dabei sind die meisten Menschen in Gaza unschuldige Zivilist*innen, darunter Kinder und Frauen. Zwei Drittel der Bevölkerung sind Kinder und Frauen, ein Drittel Männer. Die Israelis sollten also wissen, dass mehr als 70 Prozent der Getöteten unschuldige Menschen waren. Nachdem ich das gesagt hatte, war die Frau in London in Tränen ausgebrochen. „Ja, es muss aufhören“, sagte sie.
Der Film ist nicht leicht anzusehen, selbst für Außenstehende. Zumindest für ein durchschnittliches Publikum.Wie ist es für dich, der du aus Gaza kommst, den Film immer wieder zu sehen und darüber zu sprechen?
Es ist nicht leicht, das kann ich dir sagen. Um ehrlich zu sein: ich sehe mir den Film nicht an, wenn ich zu einer Vorführung komme. Ich kann es nicht. Wenn ich etwas von diesen schrecklichen Dingen sehe oder davon höre, durchlebe ich alles immer wieder von Neuem. Es zerfrisst mich innerlich. Ich vermeide gewaltvolle Bilder, und ich versuche, mir die Details so wenig wie möglich anzuhören, denn sie lösen dieselben Gefühle in mir aus wie damals, als ich all das erlebt habe. Aber die Erfahrung ist noch in mir, und deshalb kann ich nach der Vorführung darüber sprechen. Dieser Film ist nicht für Palästinenser*innen aus Gaza gemacht. Sie leben diese Realität bereits. Ich bin sicher, sie würden den Film für oberflächlich halten, denn wir haben ihn noch vor der Zeit der Aushungerung gedreht – und die war viel schlimmer als das, was wir im Film zeigen. Der Film ist eine Botschaft an Außenstehende, nicht an die Menschen in Gaza.
Was ist die wichtigste Erfahrung oder Erkenntnis, die du aus diesem Projekt mitgenommen hast?
Dass wir so viele Räume wie möglich finden müssen, um unsere Geschichten als Palästinenser*innen zu erzählen. Nicht nur Alltagsberichte, sondern die ganze palästinensische Geschichte. Wir müssen aufhören, die Erzählung eines palästinensisch-israelischen Konflikts fortzuschreiben. Es gibt keinen Konflikt. Es gibt eine koloniale Besatzung von Land und Menschen. Und diese Besatzung muss enden. Das ist alles. Die Besatzungsmacht muss ihren Verpflichtungen nach internationalem Menschenrecht und humanitärem Völkerrecht nachkommen, die Genfer Konventionen achten und die Besatzung beenden. Das ist kein Konflikt. Wie ich bereits gesagt habe: Dieses Projekt ist ein Raum, in dem wir einen Teil unserer Erzählung teilen können, und ich will so viel wie möglich davon teilen. Nach Projektende habe ich mehrere Dinge gemacht. Ich war in London und Cambridge, wo ich meine Geschichte als Theatermacher erzählt habe. Diese Geschichte lässt sich nicht von meiner Identität als Palästinenser unter Besatzung trennen. In Belgien wurden einige meiner Tagebücher für eine Theateraufführung adaptiert. Außerdem sind sie dort auch in zwei französischsprachigen Ausgaben erschienen. In Italien liest eine Künstler*innengruppe meine Tagebücher vor Publikum. Auch in London wurden sie unter dem Titel „Hossam’s People“ gelesen. Genau diese Dinge sind es, die ich versuche zu tun. Derzeit arbeite ich an einem weiteren Projekt mit einem französischen Regisseur. Außerdem plane ich, an einer Theaterproduktion mit belgischen Künstler*innen mitzuwirken, mit denen ich schon einmal vor vielen Jahren zusammengearbeitet habe. Sie kommen nach Ägypten, wir werden gemeinsam ein Stück auf die Beine stellen und in Belgien, Frankreich und Luxemburg auf Tournee gehen, so wie wir es früher getan haben. Außerdem habe ich drei Theaterstücke geschrieben: eines über Kinder während des Genozids, eines über Gefangene und darüber, wie ihr Leben durch die von ihnen erlittene Folter und unmenschliche Behandlung beeinflusst wurde, und eines über die Hungersnot.
Die Lage in Gaza ist weiterhin sehr schwierig. Was wünschst du dir für Gaza und die Menschen dort?
Die Lage in Gaza als schwierig oder hart zu beschreiben, ist eine leere Floskel. Es drückt nicht aus, was dort geschieht. Der Genozid geht weiter, er hat nach der Waffenruhe keinen Augenblick aufgehört. Diese sogenannte Waffenruhe war vielmehr eine Erlaubnis für die Israelis, den Genozid fortzusetzen. Es war Schweigen. Seit der sogenannten Waffenruhe im Oktober 2025 haben sie mehr als Tausend Menschen getötet, darunter mindestens 350 Kinder. Sie haben sich nie an die Vereinbarungen zur Lebensmittelversorgung gehalten. Sie haben zwar zugestimmt, 600 Lastwagenladungen mit Waren und Medikamenten in den Gazastreifen hineinzulassen, erlauben aber de facto nie mehr als 200 bis 250 pro Tag. Wir diskutieren darüber, ob bestimmte, besonders dringend gebrauchte Medikamente eingeführt werden dürfen. Aber Tausend andere Medikamente sind weiterhin nicht zugelassen. Wir diskutieren darüber, wie Druck auf Israel ausgeübt werden kann, damit Motoröl eingeführt werden darf, um die Notstromgeneratoren in den Krankenhäusern am Laufen zu halten. Minister*innen und Außenministerien verschiedener Länder versuchen die Israelis davon zu überzeugen, uns doch bitte zu erlauben, Motoröl in den Gazastreifen hineinzubringen, damit die Notstromgeneratoren weiterlaufen können. Macht das Sinn? Wir sollten über einen vollständigen Rückzug aus Gaza sprechen, über Wiederaufbau, über die Befreiung der Menschen und die Gründung eines palästinensischen Staates. Stattdessen leiden die Menschen weiter, leben in windigen Zelten ohne sanitäre Anlagen, ohne Hygieneartikel, ohne ausreichend Wasser oder Nahrung. Jeden Tag nehmen [die Israelis] sich mehr von Gaza. Nach dem 7. Oktober kontrollierten sie 46 Prozent des Gazastreifens. Mittlerweile sind es mehr als 60 Prozent. Sie verschieben die sogenannte „Gelbe Linie“ jeden Tag. Die gelb gestrichenen Betonblöcke, die die Linie markieren, werden immer weiter ins Innere des Küstenstreifens versetzt. Mit jeder Verschiebung werden wieder einige Hundert Menschen und Familien vertrieben, und es gibt keine angemessenen Unterkünfte, in denen sie sich ein neues Leben aufbauen könnten. Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, was die Menschen in Gaza durchmachen.
Gibt es noch etwas, das du den Leser*innen dieses Interviews sagen möchtest?
Europas größtes Vermächtnis, besonders im vergangenen Jahrhundert, ist die Schaffung einer Rechtsordnung, die Zivilist*innen und unschuldige Menschen überall und jederzeit schützten soll. Dazu gehören die Menschenrechte, das internationale Menschenrecht, das humanitäre Völkerrecht, die Kinderrechtskonvention und die Vierte Genfer Konvention. Auf dieses große Erbe sollte Europa stolz sein. Leider wird dieses Erbe aber durch die gezielten Angriffe der Israelis auf Zivilist*innen in Gaza und im Westjordanland vollständig zunichtegemacht. Europa hat die Verantwortung, dieses Erbe zu schützen. Wenn ein Genozid zugelassen wird – egal wo, nicht nur in Gaza –, hinterlässt das eine Narbe im Antlitz der Menschheit. Wenn es heute in Gaza geschieht, kann es morgen überall geschehen. Ohne, dass die Welt eingreift. Und das ist keine Niederlage der Palästinenser*innen, sondern eine Niederlage der Menschenrechte. Was in Palästina geschieht, ist keine palästinensische Angelegenheit mehr. Es ist eine Angelegenheit aller Menschen. Die Menschheit ist dafür verantwortlich, dem ein Ende zu setzen.
Das Interview wurde am 21. Juni 2026 geführt.