Wenn der Börsengang wie eine Bombe einschlägt: Die politische Ökonomie des Krieges mit dem Iran

Während in Israel Millionen von Menschen in Schutzräume rennen mussten, wurde der geplante Börsengang zweier der größten israelischen Rüstungsunternehmen weiter vorangetrieben. Das tagtägliche Himmelschauspiel der Raketenabschüsse war dabei die perfekte Bühne, der Welt den Einsatz einer Vielzahl neuer Technologien live zu präsentieren und so die Bewertung der Unternehmen um Dutzende Milliarden Dollar zu steigern

Abfang einer aus dem Libanon abgefeuerten Drohne am 21. August 2024. Foto: Eyal Margolin/ Flash90

Während Millionen von Menschen in Israel mehrmals täglich in Schutzräume und Bunker fliehen mussten, das Bildungssystem stillstand und weite Teile der Wirtschaft im Notbetrieb liefen, während andauernde Angst und massive persönliche wie ökonomische Belastungen um sich griffen, ging auf dem israelischen Kapitalmarkt etwas Dramatisches vor sich. Anders als die sicherheitspolitischen Entwicklungen in der Region fand dieser Vorgang außerhalb der einschlägigen Wirtschaftspresse jedoch kaum Beachtung, obwohl er so manche Anreize und Interessen im Zusammenhang mit dem Krieg mit dem Iran offenlegt.

Vor jenem Hintergrund ist jede abgefangene ballistische Rakete, jede Aktivierung eines Luftverteidigungssystems und jede dokumentierte Abfangexplosion am Nachthimmel nicht nur ein sicherheitspolitisches Ereignis, sondern auch eine Gelegenheit, die technische Leistungsfähigkeit der Systeme unter Beweis zu stellen und ihren wirtschaftlichen Absatz zu fördern. Die Rüstungsindustrie kann dem internationalen Markt ihre neuen Produkte und Systeme im Live-Einsatz präsentieren, was wiederum Aufträge im Umfang von Dutzenden Milliarden Schekel nach sich ziehen kann – insbesondere jetzt, da das israelische Verteidigungsministerium am 16. März 2026 grünes Licht gegeben hat, die Börsengänge zweier der größten Rüstungsunternehmen des Landes voranzutreiben: von Israel Aerospace Industries (IAI) sowie von Rafael Advanced Defense Systems.

Die Luftverteidigungssysteme haben in den vergangenen Jahrzehnten die Art und Weise, wie die israelische Gesellschaft Krieg erlebt, grundlegend verändert. Die Bedrohung durch Raketenangriffe, einst katastrophal, ist heute zu einem Spektakel von Raketenabfängen am Himmel geworden; während das Leben, wenn auch mühsam, zwischen den Alarmsirenen weitergeht. So ist ein permanenter Kriegszustand, der unter anderen Umständen zahlreiche Menschenleben gefordert hätte, für die politischen Entscheidungsträger*innen in gewisser Weise „handhabbar“ geworden, während die Bevölkerung weiterhin ein ums andere Mal in die Schutzräume und Bunker rennen muss.

So ist der Himmel, in dem rund um die Uhr Raketen und Drohnen abgefangen werden, auch die Bühne, auf der israelische Waffensysteme in Echtzeit vor den Augen der Welt erprobt werden. In der Rüstungsindustrie gibt es dafür einen feststehenden Begriff: combatproven – im realen Kampfeinsatz erprobt.

So ist der Himmel, in dem rund um die Uhr Raketen und Drohnen abgefangen werden, auch die Bühne, auf der israelische Waffensysteme in Echtzeit vor den Augen der Welt erprobt werden. In der Rüstungsindustrie gibt es dafür einen feststehenden Begriff: combatproven – im realen Kampfeinsatz erprobt. Für viele Armeen weltweit gilt dies als überzeugendster Qualitätsindikator überhaupt. Das Gütesiegel combatproven kurbelt Verkäufe an, stützt Prognosen und erhöht die Erfolgsaussichten von Börsengängen.

Der geplante Börsengang dieser beiden Großkonzerne ist ein finanzieller Schritt von gewaltigem Ausmaß. Der Gesamtwert von Israel Aerospace Industries und Rafael Advanced Defense Systems wird auf über 150 Milliarden Schekel (etwa 51 Milliarden Dollar) geschätzt; ihr Börsengang könnte zu den größten zählen, die die Börse in Tel Aviv je erlebt hat. Doch nicht nur die Größenordnung, auch das Timing ist beim Börsengang entscheidend.

Am Kapitalmarkt gilt der Zeitpunkt des Börsengangs (IPO, Initial Public Offering) als eine der strategisch wichtigsten Entscheidungen, die ein Unternehmen treffen kann. Zufällig ist er nie: Die Unternehmensführung wählt gezielt jenen Moment, in dem ihr Geschäftsprofil am überzeugendsten erscheint. Häufig werden geplante Börsengänge verschoben, sobald sich die Marktbedingungen eintrüben. Ideal für den IPO gilt der Zeitpunkt, zu dem eine hohe Nachfrage nach den Produkten erwartet wird, sich ein wachsender Auftragsbestand abzeichnet und Investor*innen bereit sind, in Erwartung anhaltenden Unternehmenswachstums einen Preisaufschlag für die Aktien zu zahlen.

Gerade bei großen Unternehmen wie IAI und Rafael kann der Unterschied zwischen einem Börsengang unter durchschnittlichen Marktbedingungen und einem unter optimalen Marktbedingungen Bewertungsdifferenzen von mehreren Dutzend Prozent ausmachen – und damit Unterschiede von mehreren Dutzenden Milliarden Schekel. Da es sich sowohl bei IAI als auch Rafael um staatliche Unternehmen handelt, haben diese Differenzen auch unmittelbare fiskalische Auswirkungen: Schätzungen zufolge könnte allein der Teilverkauf von IAI-Anteilen Einnahmen von 20 bis 30 Milliarden Schekel in die Staatskasse spülen.

Ein nahezu perfekter Zeitpunkt

Vor diesem Hintergrund bietet der Krieg mit dem Iran nicht nur die Möglichkeit, der Welt eine Vielzahl neuer Technologien unter realen Kampfbedingungen zu demonstrieren, sondern zugleich auch einen nahezu perfekten Zeitpunkt, die Börsengänge von Rafael und IAI voranzutreiben. Bereits vor Beginn des Iran-Krieges zählte die israelische Rüstungsindustrie zu den größten Profiteuren der eskalierenden Gewalt in der Region sowie weltweit. Die Nachfrage nach Luftverteidigungssystemen, Raketen, Drohnen und Aufklärungstechnologien ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen.

Die russische Invasion in die Ukraine hat die Aufrüstung in Europa zusätzlich beschleunigt. Im Juni 2025 verabschiedete die NATO einen Beschluss, der eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben von 2 % auf 5 % des Bruttoinlandsprodukts der Mitgliedsstaaten vorsieht. Parallel dazu befeuert die strategische Rivalität zwischen den USA und China gewaltige Investitionen in militärische Technologien, während zahlreiche Staaten im Nahen Osten und in Asien ihre Verteidigungsetats in einem seit Jahren nicht dagewesenen Tempo aufstocken.

Die russische Invasion in die Ukraine hat die Aufrüstung in Europa zusätzlich beschleunigt. Im Juni 2025 verabschiedete die NATO einen Beschluss, der eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben von 2 % auf 5 % des Bruttoinlandsprodukts der Mitgliedsstaaten vorsieht. Parallel dazu befeuert die strategische Rivalität zwischen den USA und China gewaltige Investitionen in militärische Technologien, während zahlreiche Staaten im Nahen Osten und in Asien ihre Verteidigungsetats in einem seit Jahren nicht dagewesenen Tempo aufstocken.

Für die israelischen Rüstungsunternehmen ergibt sich daraus eine außergewöhnlich günstige Lage: Ihre Auftragsbestände sind auf Dutzende Milliarden Dollar angewachsen, neue Verträge werden mit Staaten geschlossen, die verlässliche und einsatzerprobte Systeme suchen – und gerade die Bewährung jener Systeme im Gefecht treibt die Preise, die die Käufer zu zahlen bereit sind, in die Höhe. In Zeiten erhöhter Instabilität gelten Rüstungsaktien an den Kapitalmärkten zudem als vergleichsweise krisenresistente Anlage: Es ist ein Sektor, in dem die Nachfrage gerade dann steigt, wenn die Weltlage instabiler wird. All diese Faktoren schaffen für die Rüstungsunternehmen ein äußerst günstiges wirtschaftliches Umfeld.

Bereits während der Proteste entlang der Sperranlage zwischen Israel und dem Gazastreifen im Jahr 2018/2019 – bekannt als „Großer Rückkehrmarsch“ – wurde Gaza als eine Art „Präsentationsbühne“ für neue Technologien beschrieben. Ein damals veröffentlichter Bericht des Projekts „Hamushim“ („Bewaffnet“) zeigte, dass unterschiedliche Technologien – von Tränengasdrohnen bis hin zu intelligenten Überwachungssystemen – vor Ort gegen die Protestierenden in Gaza eingesetzt wurden und anschließend der internationalen Kundschaft als praxiserprobte Produkte vermarktet wurden.

Die Rüstungsindustrie ist weit mehr als ein gewöhnlicher Industriezweig – sie gehört zu den zentralen Wachstumsmotoren einer Volkswirtschaft. Rüstungsunternehmen gehören zu den Schwergewichten an der jeweiligen Landesbörse, und auch Sicherheits-Start-ups ziehen erhebliche Investitionen von Risikokapitalgebern an. Diese sehen in militärischen Technologien – von KI für den Kampfeinsatz über Cyberanwendungen bis hin zu robotischen und autonomen Systemen – die am schnellsten wachsenden Bereiche des israelischen Hightech-Sektors.

Über Jahre hinweg haben israelische Regierungen die Rüstungsindustrie als doppelten strategischen Aktivposten gefördert: als Garant militärischer Überlegenheit wie auch wirtschaftlichen Wachstums. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu brachte dies besonders pointiert zum Ausdruck, als er seine Vision für Israel als ein „Super-Sparta“ beschrieb – also als kleinen, aber aufgerüsteten Staat, der auf militärisch-technologischer Überlegenheit basiert und Sicherheits- und Verteidigungssysteme in die Welt exportiert. In Netanjahus Worten lag mehr als politische Rhetorik; vielmehr brachten sie eine Auffassung zum Ausdruck, wonach Israels militärische Stärke nicht nur ein Mittel des Überlebens ist, sondern auch ein wirtschaftlicher Vermögenswert.

In der Gesamtschau wird ein klares Interessengefüge sichtbar: Der israelische Staat benötigt militärische Stärke und fortschrittliche Sicherheits- und Verteidigungssysteme; die Rüstungsindustrie wiederum ist auf Nachfrage nach ihren Produkten angewiesen; und die Kapitalmärkte suchen nach wachsenden Unternehmen, in die sie als vielversprechende Anlagemöglichkeiten investieren können. In einer Realität, in der Waffensysteme unter realen Kampfbedingungen erprobt werden, stärkt jeder operative Erfolg den Ruf eines Systems, was den Verkauf ankurbelt. Steigende Verkäufe wiederum erhöhen die Unternehmensbewertungen.

Das Zusammentreffen der gegenwärtigen Umstände ist schwer zu übersehen: Ein sich ausweitender regionaler Krieg, eine globale Hochkonjunktur in der Nachfrage nach Waffen, rasant steigende Kurse der Rüstungsaktien – und parallel geplante Börsengänge von Rüstungsunternehmen mit enormen Bewertungen. Aus sicherheitspolitischer Perspektive ist dies für Israel die gefährlichste Zeit seit Jahrzehnten. Aus ökonomischer Perspektive ist es für jene Industrie, die die Mittel dieses Krieges produziert, eine Zeit nahezu idealer Bedingungen.

Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht

Eine hebräische Version dieses Artikels erschien am 17.03.2026 in Sicha Mekomit

Autor:in

Aharon Porat ist Journalist und Forscher in Wirtschaft und Technologie. Er ist Mitglied des Forschungsteams der Organisation „BeTselem“ und berät Menschenrechtsaktivisten und -organisationen zum Thema digitale Währungen

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