Ein Imperium im Niedergang, eine Regierung in der Krise und ökonomische Interessen

Zum Hintergrund des Kriegs gegen den Iran

Eine große Plakatwand an der Ayalon-Autobahn in Tel Aviv mit der Aufschrift „Herr Präsident, bringen Sie die Sache zu Ende!“ am 18. Juni 2025. Foto: Chaim Goldberg/Flash90
Eine große Plakatwand an der Ayalon-Autobahn in Tel Aviv mit der Aufschrift „Herr Präsident, bringen Sie die Sache zu Ende!“ am 18. Juni 2025. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Am 28. Februar 2026 eröffneten die USA und Israel ein neues und gefährliches Kapitel in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens: An diesem Tag starteten sie eine breitgefächerte Welle von Luftangriffen auf militärische und zivile Ziele (Kommandozentralen und Befehlshaber inbegriffen) inmitten der Islamischen Republik Iran. Die Angriffe begannen mit der gezielten Tötung des Obersten Führers der Islamischen Republik Ali Chamenei, um sich sodann auf Nuklearanlagen sowie militärisch und wirtschaftlich relevante Infrastruktur in vielen Teilen des Irans auszuweiten.[1]

Dieser Krieg hat sich vor dem Hintergrund einer allgemeinen Verschärfung der geopolitischen Lage stufenweise entwickelt und ist nicht plötzlich am 28. Februar ausgebrochen. Dem Ausbruch des Krieges gingen Jahrzehnte regionaler Kriege sowie aktuelle Spannungen und kleinere Konfrontationen voraus, vor allem der sogenannte 12-Tage-Krieg im Juni 2025 und die abrupte Unterbrechung der diplomatischen Verhandlungen im Februar 2026, wodurch die vorigen Versicherungen einer Annäherung obsolet wurden. Die ersten Wochen des Krieges kosteten tausenden Menschen im Iran, dem Libanon, Israel und den Golfstaaten das Leben, die Straße von Hormus wurde geschlossen, die Weltwirtschaft schlitterte in eine tiefe Krise und der Nahe Osten fand sich in einer grundlegend anderen regionalen Situation wieder.

Der vorliegende Artikel stellt den Versuch einer kritischen Analyse der tieferliegenden Struktur und der Motive des Krieges dar. Fernab der offiziellen Narrative möchte ich die hauptsächlichen Gründe für diesen Krieg eruieren, wobei ich komparativ vorgehe und alle drei Kriegsparteien, die USA, Israel, und den Iran, gleichermaßen berücksichtige.

Wieso Krieg?

Die USA: Ein Imperium im Niedergang

Bezüglich der amerikanischen Politik dominiert zunehmend die Auffassung, dass die Persönlichkeit des Präsidenten oder die Flausen seiner Administration das Entscheidende seien. Die Tendenz zu dieser Betrachtungsweise wurde durch einen Präsidenten wie Donald Trump nur mehr gesteigert. Dabei wird man so kaum die wirklichen Beweggründe der amerikanischen Politik verstehen können. Überspitzt ließe sich vielleicht sogar sagen, dass Donald Trump nicht der Grund der schrumpfenden Macht der USA ist, sondern ein Resultat und Ausdruck dieses Prozesses. Die Krise der amerikanischen Hegemonie ist strukturell. Sie begann vor Trump und wird ihn auch überdauern. Trump hat diese Krise lediglich offenbart, nachdem sie zuvor mit institutionellem Stillschweigen verwaltet wurde.[2] 

Zwei Umstände müssen hier berücksichtigt werden. Der erste ist wirtschaftlicher, der zweite militärischer Natur. Erstens stecken die Vereinigten Staaten in einem Sumpf von Schulden, deren Summe 40 Trillionen Dollar übersteigt, während die Funktion des Dollars als globale Reservewährung neu bestimmt wird. Mit dem allmählichen Wegbrechen der in den 1970er Jahren von Henry Kissinger begründeten Verträge zum Petrodollar brach auch eine zentrale Stütze der amerikanischen Vorherrschaft in der Weltwirtschaft weg. Wenn Trump in Verhandlungen mit seinen Verbündeten vom Golf Verteidigung zu einer Ware macht, so deutet das die wirtschaftliche Schwäche der USA an, die nicht mehr in der Lage ist, die enorme, sich über den Globus erstreckende Präsenz ihres Militärs zu finanzieren.[3]

Zweitens verwenden die USA das übertriebene Aufgebot militärischer Stärke als Mittel, um das Fehlen einer Strategie zu verdecken. Von Pennsylvania über Grönland und Kanada zum Iran: das Weiße Haus eskaliert zunehmend in seinem Gebrauch verbaler Drohungen, gleichviel, ob es sich hier um Feinde oder Freunde handelt. Dies ist der Ausdruck des stärker werdenden Gefühls, dass man die zunehmend multipolare Welt, die aufgehört hat, sich den Befehlen Washingtons umstandslos zu fügen, nicht mehr dominieren kann wie während der Zeit, die auf den Zusammenbruch der Sowjetunion folgte.

Zudem sollte die innenpolitische Dimension dieser Gleichung nicht vergessen werden: Die skandalösen Epstein-Akten, mit all den in ihnen enthaltenen Informationen über einflussreiche Personen der amerikanischen Politik und Wirtschaft, üben Druck auf das Weiße Haus aus, das mit Hilfe der sogenannten Flucht nach vorn, nämlich dem Schaffen einer außenpolitischen Krise, die Aufmerksamkeit umzulenken versucht. Kriege haben meistens eine doppelte Funktion. Zum einen sollen sie die Nation hinter der staatlichen Führung vereinen. Zum anderen sollen sie alles, was die Regierung innenpolitisch in eine verzwickte Lage bringen könnte, so weit als möglich vom Tagesgeschäft fernhalten.

Israel: Eine Regierung flüchtet nach vorn

Seit dem 7. Oktober 2023 durchlebt die israelische Gesellschaft ein existenzielles Trauma. Es war zuletzt der Krieg im Oktober 1973 der für sie einem vergleichbaren Ereignis gleichkam. Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hat die Durchlässigkeit des israelischen Sicherheitssystems und Geheimdienstes sowie die mangelhafte Einsatzbereitschaft des israelischen Militärs offengelegt. Am bedeutsamsten ist in dieser Hinsicht jedoch gewesen, dass der Mythos der Sicherheit, mittels dessen sich der israelische Staat seiner Bevölkerung gegenüber legitimierte, in zuvor ungekannter Weise in die Brüche gegangen ist.

In einer derartigen Situation ergreifen krisengeschüttelte Machteliten in der Regel die Strategie der Flucht nach vorn. Die totale Eskalation einer vorherrschenden Situation und das Schaffen großer Ereignisse machen vergessen, was eigentlich geschehen ist. Die gegenwärtige israelische Regierung, die die extremste Regierung in der politischen Geschichte des Landes ist, hat in der außergewöhnlichen Situation, in der sie sich derzeit befindet, die sich bietende Gelegenheit genutzt und der religiösen Expansion freien Lauf gelassen. Die messianische Rechte Israels, von Smotrich über Ben-Gvir bis zu Netanjahu selbst, sieht in dem derzeitigen Krieg nicht nur ein Mittel zur Herstellung nationaler Sicherheit. In deren ideologischem Weltbild bereitet er den Boden für ein koloniales und religiöses Projekt, das die momentanen Grenzen des Staates überschreitet.

Die messianische Rechte Israels […] sieht in dem derzeitigen Krieg nicht nur ein Mittel zur Herstellung nationaler Sicherheit, [… sondern] ein koloniales und religiöses Projekt, das die momentanen Grenzen des Staates überschreitet.

Dabei ist klar, dass man die gegen Netanyahu laufenden Anklagen in die Betrachtung einbeziehen muss, wenn man seinen Kriegseifer verstehen will. Der Mann, der wegen Korruptionsfällen vor Gericht steht, sieht in dem permanenten Ausnahmezustand ein geeignetes Mittel, um seine Verurteilung hinauszögern und den gesellschaftlichen Diskurs über den geplanten Umsturz des Justizsystems, der die Straßen Israels vor dem 7. Oktober in Aufruhr hielt, auf Eis legen zu können.[4] Ebenfalls wichtig hier hinzufügen: noch den Willen zur Ausnutzung des regionalen Chaos, und zwar, um den Nahen Osten neu zu ordnen: Assads Sturz in Syrien, die Schwächung der Hisbollah, deren Führung zum Großteil gezielt getötet wurde, sowie die Lage des Iran, der von innenpolitischen Krisen gebeutelt ist – in all dem hat die israelische Regierung eine einmalige historische Gelegenheit gewittert. Insbesondere in Anbetracht der gegenwärtigen personalen Besetzung des Weißen Hauses.

Der Iran: Keine Möglichkeit des Rückzugs

Im Gegensatz zu dem, was man im Westen und in Israel vorgibt, ist es nicht der Iran gewesen, der die Herbeiführung des Krieges beschleunigt hat. Faktisch verhielt es sich wie folgt: Am 27. Februar 2026, nur wenige Stunden vor Kriegsbeginn, hat der omanische Außenminister Badr Al-Busaidi bekanntgegeben, dass man einen diplomatischen „Durchbruch“ erreicht habe. Der Iran sei zu weitreichenden Zugeständnissen bereit gewesen; er hätte die Lagerung angereicherten Uraniums aufgegeben sowie die vollständige Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde akzeptiert.[5] Dem omanischen Außenminister zufolge sei der Frieden „in greifbarer Nähe“ gewesen – hätten nur die amerikanischen und israelischen Luftangriffe diese Möglichkeit nicht unterminiert. Mit anderen Worten: Die Entscheidung zur Eröffnung des Krieges wurde trotz einer sich anbahnenden diplomatischen Lösung gefällt, beziehungsweise genau in dem Moment, in dem diese Lösung sich realisieren sollte.

Das soeben Gesagte soll jedoch nicht heißen, dass der Iran nicht unter Druck gestanden hätte. Da waren die wirtschaftlichen Sanktionen drakonischen Ausmaßes, der 12-Tage-Krieg und die großen Proteste innerhalb des Landes Anfang 2026. Das iranische Regime wurde zermürbt, hat aber letztlich bewiesen, dass es in der Lage ist, eine Reihe schwerer Schläge und einer anhaltenden Konfrontation standzuhalten. Es kann sich hierbei auf eine Strategie stützen, die die Führungsriege, im Wissen darum, dass die militärische Konfrontation bestimmt kommen werde, über Jahre hinweg entwickelt hat. Das zeigt sich etwa an der ausgebauten Verzweigung staatlicher Institutionen und der Vielzahl der Personen, die stets bereit sind, aufzurücken. Das Fehlen einer Person – selbst nicht das des Obersten Führers – kann dem Regime kein Ende bereiten.

Das Gleichgewicht der Kräfte: Schrittweise Siege, aber keine Entscheidung

Nach den ersten Kriegswochen zeichnete sich ein Kräfteverhältnis ab, das viele von denen, die auf eine schnelle Entscheidung gewettet hatten, überraschte. Trotz der immensen Zahl an Angriffen auf den Iran, sind der Staat und sein Regime nicht zusammengebrochen. Vielmehr blieb der Iran eine aktive Kraft in der Region und schaffte es, seinen Kontrahenten mit Hilfe von vier Machtmitteln erheblichen Schäden zuzufügen:

1. Die Schließung der Straße von Hormus, das heißt das Abklemmen der Adern der Weltwirtschaft: Bereits am ersten Tag des Krieges hat der Iran die Straße von Hormus geschlossen und damit die globale Wirtschaft stranguliert. Rund ein Fünftel der globalen Ölversorgung passiert diesen Streifen Wasser, dessen breiteste Stelle nicht mehr als 33 Kilometer misst. Diese Tat war somit nicht bloß symbolisch. Indem sie die globalen Versorgungsketten störte, die Ölpreise in Rekordhöhen trieb und Unternehmen dazu zwang, ihre Schiffe, mit einem Mehraufwand an Kosten, über längere Wege umzuleiten, zeitigte sie erhebliche Folgen. Das Spielen dieser Karte hat den Krieg zu einer globalen Krise gemacht, der alle involvierten Parteien unmittelbar betrifft. Er findet nicht allein auf iranischem Territorium statt.[6]

2. Der Umfang des Raketenarsenals und die waffentechnische Durchschlagskraft: Allein innerhalb der ersten fünf Tage des Krieges wurden 90 gegen Israel gerichtete Angriffsversuche seitens des Irans verzeichnet, was über 60 Prozent der gesamten iranischen Angriffe während des 12-Tage-Krieges im Juni 2025 ausmacht. Zudem wurden amerikanische Militärbasen in Bahrain, im Irak und an anderen Ort beschossen. Diese Angriffe haben vor allem eines mitgeteilt: Der Iran ist imstande, jeden beliebigen Ort in der Region in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln. Des Weiteren hat der Krieg ein strukturelles Problem im amerikanisch-israelischen Verteidigungssystem aufgedeckt, nämlich als die Reserven an Abwehrraketen allmählich erschöpft wurden in einer Weise, die die Militärstrategen beider Länder in Unruhe versetzte. Indes hörte die iranische Industrie, die signifikante Unterstützung von Russland und China erhielt, nicht auf, das eigene Raketenarsenal aufzustocken, um so die Abwehrkapazitäten des Feindes auch weiterhin überlasten zu können.[7]

3. Die regionale Abstimmung und die Vervielfachung der Fronten: Anders als während des 12-Tage-Krieges im Juni 2025 hatten es die USA und Israel in dieser neuen Runde des Konflikts mit einer breiteren Front zu tun. Die Hisbollah, die seit November 2024 geschwiegen hatte, nahm am zweiten und dritten Kriegstag erneut Raketen- und Drohnenangriffe auf Israel vor, zuerst auf den Norden des Landes und sodann auf Tel Aviv. Widerstandsgruppen im Irak und im Jemen eröffneten weitere zermürbende Fronten. Diese Vervielfachung der Fronten verunmöglichte jedweden Versuch der Realisierung klar definierter Ziele seitens der USA und Israel und überspannte deren Abwehrkapazitäten.

4. Die begrenzten Handlungsmöglichkeiten und die fehlenden Aussichten des Krieges: Dem militärischen Vorgehen der USA und Israels ist in strategischer Hinsicht eine deutliche Grenze gesetzt. Angesichts Irans demographischer und geographischer Gegebenheiten – über 90 Millionen Einwohner*innen und ein bergiges und unwegsames Gelände – muss jedes Abenteuer eines Bodeneinsatzes dem Suizid gleichkommen.

Zu den genannten vier Punkten kommt hinzu, dass kein einflussreicher Staat der amerikanisch-israelischen Operation diplomatische Rückendeckung gegeben hat: Die Türkei und Pakistan haben sich ausdrücklich gegen den Krieg positioniert, während Ägypten die führende Rolle unter den Staaten übernommen hat, die zu einer diplomatischen Lösung des Konflikts aufrufen. China und Russland, die die objektiven Profiteure von der Schwächung der amerikanischen Hegemonie sind, haben den Iran soweit unterstützt, dass dieser in der Lage blieb, den Krieg in die Länge zu ziehen, ohne dass sie dabei selbst direkt eingreifen mussten. Beachtenswert ist zudem, dass iranische Oppositionelle egal welcher Couleur sich verweigerten, die von außen kommende Agenda zu unterstützen, und sich stattdessen in der Verteidigung des Vaterlandes vereint gegen den Feind stemmten. Diesen reellen Faktor darf man nicht vernachlässigen, auch wenn er im Westen gemeinhin heruntergespielt wird.[8]

Der Krieg und seine vermeintlichen Ziele: Zur Kluft zwischen dem Verlautbarten und der Realität

Die USA und Israel haben für diesen Krieg unzweideutige Ziele bekanntgegeben: die Zerstörung des iranischen Atomprogramms, einen Regimewechsel, die Zerstörung von Irans Kapazitäten ballistische Raketen zu produzieren und einzusetzen sowie die Durchtrennung der Verbindungen zwischen dem Iran und seiner regionalen Proxys. Nach einigen Kriegswochen war jedoch bereits ersichtlich, dass keines der Ziele erreicht werden wird. Ich gehe auf die einzelnen Punkte im Folgenden gesondert ein:

Zum Atomprogramm: Die Anlagen in Natanz, Fordo und Isfahan wurden angegriffen, allerdings sind die USA und Israel nicht an das angereicherte Uran gelangt. Die Internationale Atomenergiebehörde hat indessen bekanntgegeben, dass das vom Iran unterhalb der Erde hochangereicherte Uran von den Angriffen nicht getroffen wurde. Das heißt, dass das vorrangige Ziel des Militärschlags nicht erreicht wurde, und vielleicht sogar, dass dem Iran so die Möglichkeit gegeben wurde, die vom vorigen Obersten Führer Ali Chamenei erlassene Fatwa, der zufolge die Produktion einer Atomwaffe nicht zulässig sei, erneut zu überdenken.

Der Sturz des Regimes: Das iranische Regime hat durch die Schaffung eines vielschichtigen Machtapparats, in dem Entscheidungen von verschiedenen administrativen Zentren ausgehen, eine beeindruckende Fähigkeit zur Resilienz entwickelt. Die gezielte Tötung Chameneis hat die Islamische Republik nicht zu Fall gebracht. Alsbald wurde, den bestehenden verfassungsrechtlichen Mechanismen gemäß, Modschtaba Chamenei als neuer Oberster Führer gewählt. Es ist bekannt, dass Regime, die über die „Legitimität qua Revolution“ sowie die ideologische Unterstützung eines signifikanten Teils der Bevölkerung verfügen, dazu tendieren, sich jeder Form des äußeren Drucks hartnäckig zu widersetzen, und sich nicht einfach dem Niedergang hingeben. Dies trifft auf die Islamische Republik ebenso zu wie es zuvor auf Kuba, Vietnam und Nordkorea zutraf, wenngleich in jedem einzelnen Fall natürlich andere historische Bedingungen und Kontexte vorliegen bzw. vorlagen.

Die ballistischen Raketen: Die amerikanisch-israelischen Angriffe haben einen Teil der Raketenabschusssysteme zerstört, welches als das umfangreichste und geheimste Programm in der iranischen Verteidigung gilt. Vor allem wurde Irans industrielle Kapazität zur Produktion der ballistischen Raketen nicht zerstört, und was von ihr beschädigt wurde, das wird sich wahrscheinlich in einem Tag wieder aufbauen lassen, insbesondere, wenn man die Unterstützung Russlands und Chinas mit in Betracht zieht.

Die Durchtrennung der Verbindungen zu den regionalen Proxys: Dies ist das Ziel, welches am wenigsten erreicht wurde. Die Netzwerke des Widerstands im Libanon, im Irak und im Jemen sind lokal verwurzelt und besitzen jeweils eine Eigendynamik, über die die Entscheidungsträger in Teheran nicht vollständig verfügen. Der Iran kann die materielle Unterstützung dieser Netzwerke limitieren. Er könnte, selbst wenn er es wollte, diese Kräfte jedoch nicht per Befehl oder Dekret „stoppen“. Diese Kräfte sind als Reaktionen auf lokale Verhältnisse entstanden und werden sich deshalb mit einer politischen Veränderung im Iran nicht automatisch ebenfalls verändern.

Der Wendepunkt und was auf ihn folgt

Letztlich zeichnet sich in diesem Krieg ein scharfer Wendepunkt in der imperialen Ordnung ab: Ein schwächer werdender Hegemon versucht seine Präsenz mit militärischer Stärke zu behaupten in eben dem Moment, in dem alles darauf hindeutet, dass militärische Stärke hierfür allein nicht mehr ausreicht. Die USA sind in einen Krieg innerhalb einer Region eingetreten, in der verschiedene Staaten um Ressourcen und Einfluss konkurrieren. Dazu wird die internationale Wirtschaft nicht mehr allein vom Dollar dominiert, während Washington von seinen Verbündeten in der Region nicht die Rückendeckung erhält, die es verlangt.

Aus einer kritischen Perspektive muss darüber hinaus angemerkt werden, dass dieser Krieg kein Krieg der „Demokratie“ gegen die „Theokratie“ ist, wie dies namenhafte Sprecher im Westen versuchen darzustellen. Es handelt sich hier um einen komplizierten Krieg zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen: Einmal profitiert die amerikanische Waffenindustrie von immer neuen und andauernden Kriegen. Dann sind die Golfstaaten an der Sicherung ihrer regionalen Hegemonie im Ölhandeln interessiert, das heißt aber letztlich der Ausschaltung ihres iranischen Konkurrenten und dem Zuwachs der amerikanischen Kontrolle dieses Wirtschaftszweiges. Seinerseits ergeht sich die gegenwärtige israelische Regierung in der Förderung der Settlements und versucht innerhalb des Chaos die Gelegenheit der Expansion zu ergreifen.

Bezüglich dieses Krieges ist allerdings festzustellen, dass der Iran die Seite ist, die das Friedensangebot, das ihr gemacht wurde, annahm, und die, als ihr kriegerisch begegnet wurde, alle mit ihrer Widerstandskraft und ihrer Fähigkeit, der anderen Seite Schaden zuzufügen, überraschte.

Das alles macht den Iran selbstverständlich nicht zu einem vorbildlichen und von Kritik freizusprechenden Akteur. Bezüglich dieses Krieges ist allerdings festzustellen, dass der Iran die Seite ist, die das Friedensangebot, das ihr gemacht wurde, annahm, und die, als ihr kriegerisch begegnet wurde, alle mit ihrer Widerstandskraft und ihrer Fähigkeit, der anderen Seite Schaden zuzufügen, überraschte. Der „punktuelle“ Sieg des Iran ist bis dato jedoch kein entscheidender Sieg in moralischer Hinsicht. Er ist der Ausdruck eines Gleichgewichts der Abschreckung, das von diesem Krieg wieder hergestellt wurde: Es ist nicht möglich, einen Staat wie den Iran zu stürzen, der nicht nur tiefgehende Strukturen und eine große Bevölkerung besitzt, sondern auch einen unbedingten Verteidigungswillen, mögen die Luftangriffe ein noch so großes Ausmaß erreichen.

Zwar bleibt offen, ob der am 8. April 2026 verkündete Waffenstillstand einen diplomatischen Weg einleiten oder den Beginn der nächsten Runde der Eskalation markieren wird. Eines ist aber bereits jetzt sicher: Der Nahe Osten und die Welt insgesamt werden, hat sich der Ruß des Krieges einmal gelegt, eine andere Gestalt haben als noch im Februar 2026, welches Ende dieser Krieg auch immer nehmen wird.

Aus dem Arabischen übersetzt von Christoph Hopp

Die arabische Originalfassung des Artikels wurde am 28.04.2026 veröffentlicht.


[1] Tara Copp / Ellen Nakashima / Alex Horton / Lior Soroka, „In surprise daytime attack, U.S., Isarel take out Iranian leadership“, The Washington Post, 28.02.2026. URL: https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/02/28/us-israel-military-operation-epic-fury-iran/

[2] Wendy Brown, In the Ruins of Neoliberalism: The Rise of Antidemocratic Politics in the West (New York: Columbia University Press, 2019).

[3] David Spiro, The Hidden Hand of American Hegemony: Petrodollar Recycling and International Markets (Ithaca: Cornell University Press, 1999).

[4] Yossi Verter, „Netanyahu Is Poisoning the Oct. 7 Inquiry to Dilute His Responsibility for the Catastrophe“, Haaretz (23.12.2025). URL: https://www.haaretz.com/israel-news/2025-12-23/ty-article/.premium/netanyahu-is-poisoning-the-october-7-inquiry-to-dilute-his-contribution-to-the-catastrophe/0000019b-485f-d9e4-a3bb-cd7f420e0000

[5] „Peace ‘within reach’ as Iran agrees no nuclear material stockpile: Oman FM“, Al Jazeera (27.02.2026). URL: https://www.aljazeera.com/news/2026/2/28/peace-within-reach-as-iran-agrees-no-nuclear-material-stockpile-oman-fm

[6] Megha Bahree and Reuters, „Shutdown of Hormuz Strait raises fears of soaring oil prices“, Al Jazeera (03.03.2026). URL: https://www.aljazeera.com/economy/2026/3/3/shutdown-of-hormuz-strait-raises-fears-of-soaring-oil-prices; „Strategic oil release may calm markets but cannot fix Hormuz disruption“, Al Jazeera (15.03.2026). URL: https://www.aljazeera.com/economy/2026/3/15/strategic-oil-release-may-calm-markets-but-cannot-fix-hormuz-disruption; Kevin Williams, „How Strait of Hormuz closure can become tipping point for global economy“, CNBC (11.03.2026). URL: https://www.cnbc.com/2026/03/11/strait-of-hormuz-closure-shipping-economy-oil.html; Lutz Kilian, Michael Plante und Alexander Richter, „What the closure of the Strait of Hormuz means for the global economy“, Federal Reserve Bank of Dallas (20.03.2026). URL: https://www.dallasfed.org/research/economics/2026/0320

[7] „Middle East Special Issue: March 2026“, ACLED (04.03.2026). URL: https://acleddata.com/update/middle-east-special-issue-march-2026

[8] „Here’s how world leaders are reacting to the U.S.-Israel strikes on Iran“, NPR (28.02.2026). URL: https://www.npr.org/2026/02/28/nx-s1-5730352/world-leaders-reaction-operation-epic-fury

Autor:in

Dr. Abed Kanaaneh ist Wissenschaftler und Dozent am Institut für Geschichte des Nahen Ostens und Afrikas der Universität Tel Aviv

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