Groß-Israel bis zum Litani-Fluss?

Über die Ideologie und Praxis der Expansion israelischer Macht im Libanon und in Syrien

Blick auf die Burg Beaufort und zerstörte Häuser in einem Dorf im Südlibanon, aufgenommen von der israelischen Seite der Grenze aus am 23. Februar 2025. Foto: Ayal Margolin/Flash90

Das Bild ging vor einigen Wochen um die Welt: Israelische Soldat*innen erobern die alte Kreuzfahrer-Burg Beaufort im Süden des Libanon und hissen die israelische Fahne als Zeichen der Dominanz an diesem strategisch wichtigen und politisch symbolträchtigen Ort der libanesischen Kulturgeschichte.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich im Kontext der militärischen Exzesse Israels immer deutlicher abgezeichnet, dass die israelische Regierung eine „Groß-Israel-Politik“ verfolgt. Der Begriff „Groß-Israel“ findet deshalb inzwischen auch medial Eingang in die Analysen der israelischen Kriegspolitik. Die gängige Interpretation bringt die Groß-Israel-Politik mit den heute an der israelischen Regierung beteiligten messianischen Siedlervertreter*innen und der faktischen Annexionspolitik der Regierung im Westjordanland sowie mit (Wieder-)Besiedlungsplänen im weithin zerstörten Gazastreifen in Verbindung.

Aktuell wird der Begriff „Groß-Israel“ (Hebräisch: Das gesamte Land Israel) darüber hinaus auch auf die israelische Besatzung im Südlibanon und im syrischen Grenzgebiet zu den von Israel völkerrechtswidrig annektierten Golanhöhen angewandt. Dieser Dimension möchte ich in diesem Beitrag auf den Grund gehen.

„Gazafizierung“ des Südlibanon?

Auch in Israel werden aktuell jene Stimmen immer lauter, die die zerstörerische militärische Präsenz und das Besatzungsregime im Südlibanon, im Süden Syriens und teilweise auch die beiden völkerrechtwidrigen Angriffskriege gegen den Iran 2025 und 2026 als Teil eines „Groß-Israel-Projekts“ der israelischen Regierung interpretieren bzw. dieses gar als integralen Teil der israelischen politischen Praxis jenseits der israelischen Nordgrenze bezeichnen. Vor allem das Vorgehen der israelischen Armee im – und die Aussagen von Regierungsmitgliedern zum – Südlibanon wecken Erinnerungen an die Zerstörungen im Gazastreifen seit Oktober 2023. So zeigt ein kürzlich erschienener Bericht, den das libanesische Dokumentationskollektiv „Public Works“ in Zusammenarbeit mit medico International erstellte, wie systematisch die Zerstörung öffentlicher Infrastruktur vor sich geht. Diese Dokumentation ähnelt durchaus den Berichten aus dem weithin zerstörten Gazastreifen, weshalb auch von einer „Gazafizierung“ des Südlibanon gesprochen wird.

Die aktuelle israelische Besatzung im Südlibanon und im Süden Syriens weist daher zahlreiche jener Elemente (wie Besatzung, Zerstörung, Vertreibung) auf, die bislang vor allem mit der siedlungskolonialen Expansion Israels im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen in Verbindung gebracht wurden. Gemeinsam mit den immer selbstverständlicher im israelischen politischen Diskurs (auch der Opposition) und durch Siedlerorganisationen wie „Uri Tzafon“ („Wach auf, Nordwind!“) gestellten Forderungen nach einer dauerhaften territorialen Neuordnung der Nordgrenze nähren sie den Eindruck, dass die politische Wirkmacht der Groß-Israel-Ideologie sich inzwischen auch auf Gebiete jenseits des historischen Palästina erstreckt. Gerade deshalb lohnt ein historischer Blick auf Reichweite und Grenzen dieser Interpretation.

Denn bereits ein Blick auf die hebräische Originalterminologie („Das gesamte Land Israel“) gibt einen Hinweis auf die Wirkmacht der Ideologie, die weit über messianisch-fundamentalistische Kreise in der zionistischen Bewegung hinausgeht. Die Einordnung von Israels aktueller militärisch-expansionistischer Politik als Teil der in der Grundidee des Zionismus angelegten Groß-Israel-Vorstellung bezieht sich zuvörderst auf biblische Texte. So steht im Buch Genesis 15:18-21, Gott habe Abraham und seinen Nachkommen das Territorium vom Nil (im heutigen Ägypten) bis zum Euphrat (im heutigen Irak) versprochen. Diese biblische Idee fand im Laufe der Formierung der zionistischen Bewegung vereinzelt Eingang in die Schriften früher zionistischer Denker, wurde jedoch nicht zum vorherrschenden territorialen Narrativ oder zur dominanten Vorstellung des „Yishuv“, der frühen zionistischen Siedlungsbewegung, die sich in Reaktion auf den in Europa virulenten Antisemitismus formierte. Diese fokussierte sich – über die politischen Lager hinweg – überwiegend auf die Besiedlung und territoriale Kontrolle im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina.

Der Anspruch der zionistischen Bewegung auf „das gesamte Land Israel“ hat sich der israelischen Gesellschaft inzwischen so tief eingeschrieben, dass die anhaltende Besatzungs-, Vertreibungs- und Siedlungspolitik auf immer geringere interne Opposition stößt. Eine solche Normalisierung der israelischen Expansion, Besatzung und Kontrolle in Teilen des Libanon und Syriens (historisch hatte Israel bekanntlich nach dem Krieg vom Juni 1967 für einige Jahre auch die ägyptischen Sinai-Halbinsel besetzt) im Sinne eines historischen Anspruchs der zionistischen Bewegung auf dieses Territorium hat es in diesem Ausmaß bislang nicht gegeben.

Golanhöhen als Blaupause?

Eine wichtige Ausnahme und zugleich in gewissem Sinne auch eine Blaupause für das, was bei mangelndem internationalem Druck infolge einer mit „Sicherheitsargumenten“ gerechtfertigten Besatzung passieren kann, sind dabei die von Israel im Juni 1967 besetzten Golanhöhen. In diesem Fall wurde – im Gegensatz etwa zur Besatzung der Sinai-Halbinsel im selben Jahr – eine zunächst sicherheitspolitisch legitimierte militärische Besatzung nachträglich im Sinne des zionistischen Narrativs aufgeladen, sodass die Golanhöhen im heutigen jüdisch-israelischen Verständnis ebenfalls als „natürlicher“ Teil des legitimen israelischen Staatsgebiets betrachtet werden. Dabei hat die Annexion dieses Landstrichs durch Israel im Jahr 1981 nichts an der von den Vereinten Nationen festgestellten Völkerrechtswidrigkeit der Besatzung verändert.

Am Beispiel der 2019 von der ersten Trump-Regierung anerkannten Annexion der Golanhöhen lässt sich also zeigen, was im Falle mangelnden internationalen Drucks in Bezug auf Israels territoriale Expansion passieren kann: Ein sicherheitspolitisches Argument (Pufferzone gegen die von Syrien ausgehende Gefahr) verschränkt sich im Laufe der Jahre mit einem nationalistisch aufgeladenen Diskurs, der das Gebiet als historisch legitimen Teil der israelischen territorialen Kontrolle begreift, zumal im Zuge der militärischen Eroberung der Golanhöhen (auf Arabisch al–Jolan) bereits die allermeisten syrischen Bewohner*innen (mit Ausnahme der drusischen Gemeinden) vertrieben wurden.

Dass – unbenommen der offensichtlichen Völkerrechtswidrigkeit – langfristige israelische Besatzungsregime in Nachbarländern nicht zwangsläufig in eine territoriale Expansion mit dauerhafter Vertreibung und Besiedlung münden müssen, lässt sich ebenfalls am Beispiel des Südlibanon zeigen. Denn Israel, das damals die eingangs erwähnte Burg Beaufort für 18 Jahre besetzt hielt, zog sich im Jahr 2000 nach immer stärker werdendem innen- und außenpolitischem Druck aus dem Südlibanon zurück. 

Die heutige Situation ist freilich eine andere: Öffentliche Opposition zur Dauerbesatzung und zur – in Israel kaum wahrgenommenen – flächendeckenden Zerstörung des Südlibanon ist kaum vorhanden, zumal jene Kräfte, die offen zur einer Besiedlung und „Gazafizierung“ des Südlibanon aufrufen, heute wichtige Positionen in der israelischen Regierung innehaben. Außerdem haben Gruppierungen wie die oben erwähnte „Uri Tzafon“ in den vergangenen Jahren mit der Propagierung des Litani-Flusses als „natürliche Grenze“ Israels immer mehr Anklang gefunden in einer Gesellschaft, die aktuell fast nur noch über militärische Lösungen für die eigenen politischen Probleme diskutiert. Von Massendemonstrationen gegen die Libanonpolitik – wie etwa 1982 in Tel Aviv mit geschätzt 400.000 Teilnehmer*innen infolge des Massakers in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila am Stadtrand Beiruts – ist die israelische Gesellschaft weiter entfernt als je zuvor.

Das Dogma des Militärischen

Da die israelische Besatzung im Südlibanon und die territoriale Kontrolle im syrischen Grenzgebiet bislang offensichtlich nicht dieselbe historische Tiefenstruktur entwickeln konnten wie die Besatzungspolitik im Westjordanland oder im Gazastreifen, bleibt ihre zukünftige Entwicklung offen. Dabei zeigen die politischen Entwicklungen der vergangenen Wochen – vor allem die wechselhaften Gespräche zwischen den USA und dem Iran und der dadurch steigende Druck auf Israel, seine Zerstörungen im Libanon einzuschränken bzw. einzustellen –, dass der Fokus auf die politische Ideologie als Katalysator der israelischen Besatzungs- und Zerstörungspolitik lediglich einer von mehreren Faktoren sein kann, um die Ursachen der katastrophalen Situation zu ergründen.

Dabei steht innenpolitisch, auch für den Fall einer Abwahl Benjamin Netanjahus in diesem Herbst, kein Politikwechsel zu erwarten; zu dominant ist derzeit das Dogma des Militärischen. Wie in den vergangenen Wochen zu sehen war, können derzeit allein internationale Akteure Israel zu Zugeständnissen bewegen – das gilt gerade für die kürzlich geschlossene Rahmenvereinbarung zwischen Israel und Libanon, in der Tel Aviv zusichert, keine territorialen Ansprüche im Südlibanon zu erheben, dabei jedoch keine Perspektive für den Rückzug der israelischen Armee aus dem Gebiet aufzeigt.

Gleichzeitig wissen wir, dass von der aktuellen US-Regierung vermittelte Einigungen oftmals keinen Bestand haben – und folglich auch dieses Abkommen kein Ende der messianischen Besiedlungspläne für den Südlibanon bedeutet.

Es ist daher an der Zeit, dass die deutsche Bundesregierung und die EU die Gefährlichkeit der aktuellen Situation im Südlibanon und im syrischen Grenzgebiet erkennen. Sie müssen endlich klarere Worte finden als die üblichen Wortverrenkungen, die angebliche israelische „Sicherheitsinteressen“ zum Ausgangspunkt einer nicht einmal halbherzigen „Kritik“ nehmen. Aus geopolitischer Perspektive besteht die Gefahr also weniger darin, dass das historische Groß-Israel-Projekt unverändert auf Syrien und den Libanon übertragen wird. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass die militärische Expansion neue territoriale Realitäten schafft, die anschließend von messianischen Kräften ideologisch verstetigt werden. Deshalb droht die Verschränkung von israelischem Sicherheitsdiskurs und messianischem Aktivismus auch in diesem Gebiet eine völkerrechtswidrige Besiedlung zu errichten. Noch kann dies verhindert werden.

Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Autor:in

Gil Shohat leitet das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv.

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