»Dieser Film führt den Israelis ihre eigene Lage vor Augen«

Interview mit Meron Rapoport, Redakteur des Online-Nachrichtenmagazin Sicha Mekomit, über die Recherchen zum Film »NAZA«

A graffiti mural depicting Israeli filmmakers Yuval Abraham and Rachel Szor, creators of the documentary film “NAZA,” with the Hebrew word “Traitors” painted across their portraits, in Ashdod, September 15, 2026. The mural was created by Israeli graffiti artist Dudi Shoval. Photo by Liron Moldovan/Flash90
Als "Verräter" gebranntmarkt. Graffiti in Aschdod, 15. September 2026. Künstler: Dudi Shoval. Foto: Liron Moldovan, Flash 90
Von
15. Oktober 2026

Am 10. September 2026 wurde der Film »NAZA« bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und dabei nicht nur mit dem Sonderpreis der Jury, sondern auch mit 25 Minuten Standing Ovations bedacht. »NAZA« – benannt nach dem Kürzel des israelischen Militärs für »Kollateralschaden« – basiert auf 24 anonymen Aussagen von Soldaten und Offizieren, die überwiegend aus der israelischen Nachrichtendiensteinheit 8200 kommend.

Der Film übt scharfe Kritik an der Luftangriffspolitik, die die israelische Armee im Gaza-Krieg infolge des Hamas-geführten Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 verfolgte. Bei der Auswahl von Angriffszielen habe sie künstliche Intelligenz eingesetzt und die palästinensische Zivilbevölkerung dadurch massiv getroffen. Nach der Vorführung des Films kam es zu massiven Drohungen gegen die Filmschaffenden Yuval Abraham und Rachel Szor. Aufgebrachte Menschenmassen versammelten sich vor den Häusern ihrer Familien in Israel. Neben der Diffamierung als »Verräter« gingen Vertreter*innen der extremen Rechten noch weiter und forderten, den Filmemacher*innen die israelische Staatsbürgerschaft abzuerkennen.

Wir sprachen mit Meron Rapoport, Redakteur von Sicha Mekomit – dem Online-Nachrichtenportal, in dem die dem Film zugrunde liegenden Recherchen erstmals erschienen.

RLS: Meron, lass uns mit deiner Perspektive als Redakteur beginnen. Kannst du uns erklären, wie die Recherchen, die seit November 2023 in Sicha Mekomit und bei der englischsprachigen Schwesterseite +972 Magazine veröffentlicht wurden – etwa zu den KI-Systemen »The Gospel« und »Lavender« –, mit dem Film »NAZA« zusammenhängen? Welche Rolle hattest du selbst bei den Recherchen, die schließlich zur Grundlage des Films wurden?

Meron Rapoport: Seit November 2023 hat Yuval Abraham in Sicha Mekomit elf investigative Recherchen zu den sehr, sehr niedrigen Hürden veröffentlicht, die Israel für die Genehmigung militärischer Angriffe im Gazastreifen angelegt hat. Daneben erschienen noch weitere Recherchen, die sich stärker mit den technologischen Aspekten befassten – wie den Verbindungen zwischen der militärischen Nachrichtendiensteinheit 8200 und großen Hightech-Unternehmen wie Microsoft, Amazon und anderen – sowie mit der Kampagne gegen den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Ich habe diese Recherchen redaktionell betreut und von Anfang an begleitet. Schon sehr früh wurde uns klar, dass sich aus ihnen ein völlig anderes Bild ergab als jenes, das die israelischen Medien vom Vorgehen der Streitkräfte im Gazastreifen zeichneten. Bald erlangten wir Kenntnis davon, dass die israelische Armee bei der Ermittlung militärischer Ziele im großen Umfang Künstliche Intelligenz (KI) einsetzte: zum einen, um Gebäude und Infrastruktur auszuwählen, deren Zerstörung die Palästinenser demoralisieren sollte – das geschah mithilfe des KI-Systems »The Gospel« –, zum anderen, um Menschen als Angriffsziele auszuwählen, bei denen im Grunde eine KI zu dem Ergebnis gekommen war, dass es sich um Hamas-Mitglieder handelte – dafür wurde das KI-System »Lavender« eingesetzt. Die Erstellung solcher Todeslisten – also die Entscheidung darüber, wer leben darf und vor allem, wer sterben soll – wurde damit zu einem erheblichen Teil von Künstlicher Intelligenz übernommen.

Es stimmt, dass diese Listen anschließend noch von einem Menschen überprüft wurden. Im Wesentlichen aber wurden sie von der KI erstellt. Ziemlich schnell fanden wir auch heraus, dass die zulässige Zahl an sogenannten »Kollateralschäden« – also die Zahl unbeteiligter Zivilist*innen, deren Tötung für ein bestimmtes Ziel in Kauf genommen wurde – enorm hoch war. Diese Zahl nennt sich im Sprachgebrauch des israelischen Militärs »Naza« – ein hebräisches Akronym für »Nesek Agavi«, Kollateralschaden. Für einen rangniedrigen Hamas-Angehörigen lag dieser »Naza«-Wert beispielsweise bei zwanzig. Bei einem Angriff auf ihn durften zwanzig unbeteiligte Zivilist*innen getötet werden.

Es ging also nicht nur darum, wie KI militärische Ziele identifizierte, sondern auch darum, wie viele zivile Tote bewusst in Kauf genommen wurden?

Genau, als »Hamas-Angehörige« galten dabei auch Menschen, die der Organisation möglicherweise gar nicht mehr angehörten, früher vielleicht einmal Mitglied gewesen waren, oder etwa bei der von der Hamas kontrollierten Polizei oder Stadtverwaltung gearbeitet hatten. Zum Vergleich: Bei der Tötung Osama bin Ladens lag die Zahl ziviler Opfer, die die US-Regierung als zulässigen Kollateralschaden festgelegt hatte, ebenfalls bei zwanzig. Bei etwas ranghöheren Hamas-Funktionären lag der zugelassene »Naza«-Wert bereits im dreistelligen Bereich; bei zweihundert oder dreihundert unbeteiligten Zivilist*innen, deren Tod in Kauf genommen wurde. Wir wissen, dass diese Vorgaben tatsächlich zum Einsatz gekommen sind.

Wir haben nichts veröffentlicht, bevor wir nicht sechs, sieben, acht, manchmal zehn übereinstimmende Aussagen von Menschen gesammelt hatten, die nichts miteinander zu tun hatten, einander nicht kannten oder mitunter in ganz unterschiedlichen Funktionen und verschiedenen Bereichen des Militärs tätig waren – aber dennoch dasselbe berichteten.

Wir fanden heraus, dass Menschen, die als Hamas-Mitglieder eingestuft worden waren, gezielt in ihren Privathäusern angegriffen wurden. Nicht, weil sie sich dort versteckten, Waffen lagerten oder von dort aus militärisch operierten – sondern schlicht, weil sie dort schliefen. Für mich kehrt das die israelische Behauptung, Hamas-Mitglieder würden sich hinter der Zivilbevölkerung verstecken, geradezu ins Gegenteil.

Es war genau andersherum: Israel griff Menschen, die als Hamas-Mitglieder eingestuft worden waren, gezielt dann an, wenn sie sich inmitten der Zivilbevölkerung aufhielten. Warum? Weil es schwieriger war, sie im Gefechtsgebiet zu treffen. Das wäre komplizierter, teurer und aufwendiger gewesen.

Da uns schon früh in der Recherche klar wurde, dass das Bild, das unsere Quellen zeichneten, den Berichten der israelischen Medien diametral entgegenstand, gingen wir mit deutlich größerer Vorsicht vor, als es bei investigativer Arbeit sonst üblich ist.

Eine journalistische Faustregel besagt, dass Informationen erst veröffentlicht werden können, wenn sie von drei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wurden. Unsere Recherchen stützten wir auf deutlich mehr als nur drei Quellen – schließlich war das Thema so sensibel, waren die Vorwürfe von enormer Tragweite. Es ging um die Tötung ganzer Familien, die völlig unbeteiligt waren.

Wir haben nichts veröffentlicht, bevor wir nicht sechs, sieben, acht, manchmal zehn übereinstimmende Aussagen von Menschen gesammelt hatten, die nichts miteinander zu tun hatten, einander nicht kannten oder mitunter in ganz unterschiedlichen Funktionen und verschiedenen Bereichen des Militärs tätig waren – aber dennoch dasselbe berichteten.

Einer der Kritikpunkte an euren Recherchen und am Film »NAZA« lautet, dass die Quellen anonym sind. So könne die Öffentlichkeit ihre Identität nicht überprüfen und die Aussagen ließen sich schwer unabhängig verifizieren. Ist was du gerade beschrieben hast der Verifizierungsprozess, den ihr vor der Veröffentlichung des Films durchgeführt habt?

Ja, genau. Ich denke, solche Vorwürfe sind im besten Fall unsauber argumentiert, in anderen Fällen sind sie schlicht böswillig, dumm oder stammen von Menschen, die nicht verstehen, wie Journalismus funktioniert.

Im Journalismus – und erst recht, wenn es um Krieg und um Soldaten während eines laufenden Krieges geht – ist es selten, dass Quellen »on the record« sprechen, sich also mit ihrem Klarnamen zu erkennen geben. Das kommt kaum vor. Wenn überhaupt, dann sprechen ranghohe Kommandeure, Generäle, Brigadegeneräle mit Klarnamen, und selbst sie tun das nicht immer. Ein sehr großer Teil der Berichte, die Journalist*innen während dieses Krieges – und genauso auch während anderer Kriege – in Israel und weltweit veröffentlichten, basiert auf Formulierungen wie: »Einer anonymen Quelle zufolge …« oder »Nach Angaben einer hochrangigen Quelle …«.

Die Behauptung, die Anonymität der Quellen sei für sich genommen ein Problem, ist einfach absurd. Sie hat mit der Realität journalistischer Arbeit nichts zu tun. Wenn mir zum Beispiel ein Mitarbeiter des Verkehrsministerium Informationen über Korruption zuspielt, dort aber weiterhin arbeitet, wird er in 95, wenn nicht sogar 99 Prozent der Fälle anonym mit mir sprechen wollen. Meine Aufgabe als Journalist besteht dann darin, seine Angaben mit weiteren Quellen wie auch mit den bekannten Fakten abzugleichen.

Wie habt ihr das bei den besonders schwerwiegenden Vorwürfen in „NAZA“ konkret gemacht? Womit habt ihr die Aussagen abgeglichen?

Auch die Informationen unserer »anonymen« Quellen haben wir mit Angriffen abgeglichen, die nachweislich in Gaza stattgefunden hatten, mit Berichten betroffener Palästinenser*innen und mit verschiedenen öffentlichen Erklärungen. So sagte beispielsweise Brigadegeneral Omer Tischler, der heute Kommandeur der israelischen Luftwaffe ist, bereits zur Zeit unserer ersten Recherche ganz offiziell, dass es in diesem Gaza-Krieg kein sogenanntes »Roof Knocking« mehr gebe, also eine Vorwarnung der Bewohner*innen vor einem Angriff. Mit anderen Worten: Palästinenser*innen wurden vor einem Luftangriff nicht mehr gewarnt.

Weil wir wussten, wie schwerwiegend und sensibel die Vorwürfe waren, genügte uns nicht die Aussage einer einzelnen Person, sie habe auf einem Bildschirm einen »Naza«-Wert von 300 gesehen, dass bei einem Angriff also bis zu dreihundert unbeteiligte Zivilist*innen getötet werden durften. Veröffentlicht haben wir erst dann, wenn wir eine mehrere voneinander unabhängige Quelle fanden, und alle dasselbe berichteten.

Ein großer Teil der internationalen Berichterstattung verkürzt die Inhalte des Films auf die Aussage, Israel habe KI eingesetzt, um auszuwählen, wer bombardiert wird. Verdeckt diese Darstellung die wichtigeren Entscheidungen, die von Menschen getroffen wurden? Wo liegt deiner Ansicht nach in dieser Entscheidungskette die Verantwortung – bei der KI, bei den Datenanalyst*innen, den Kommandeuren oder bei der politischen Führungsebene?

Das ist tatsächlich fast schon eine philosophische Frage. Die KI stellt uns hier vor sehr große Herausforderungen, denke ich. Nehmen wir zum Beispiel den Luftangriff auf die Schule im Iran zu Beginn des Iran-Krieges. Inzwischen scheint mit großer Sicherheit festzustehen, dass die Schule von einem KI-System als Ziel ausgewählt wurde. Sie befand sich in der Nähe eines Stützpunkts der iranischen Revolutionsgarden. Es ist also durchaus möglich, dass Angehörige der Revolutionsgarden ihre Kinder auf diese Schule brachten und dort regelmäßig ein- und ausgingen. Vermutlich wurde die Schule deshalb vom System als Ziel eingestuft.

Wer trägt in einem solchen Fall die Verantwortung? Die Person, die die Daten in das System eingespeist hat? Das KI-System selbst?

Menschen, die von der Technologie mehr verstehen als ich, beschreiben sie ein wenig wie eine Blackbox: Man speist Daten ein, und am Ende gibt die KI eine Einschätzung aus – etwa: »Diese Person gehört zur Hamas« oder »Dieses Ziel kann angegriffen werden.«

Die Mitarbeiter*innen des Militärgeheimdienstes können diesen Prozess selbst kaum überprüfen. Sie können den Entscheidungsweg nicht wirklich nachvollziehen und nicht fragen: Moment, wie genau ist die KI zu dieser Schlussfolgerung gekommen?

Was wir herausgefunden haben, ist, dass sich die zentrale menschliche Überprüfung im Wesentlichen darauf beschränkte festzustellen, ob es sich bei der von der KI ausgewählten Person um einen Mann oder eine Frau handelte. Man rief die betreffende Person also an und prüfte, wer sich meldete. Hörte man eine Männerstimme, hieß es: Okay, wir können ihn angreifen. Meldete sich dagegen eine Frauenstimme, sagte man: Ah, vielleicht liegt hier ein Fehler vor – und dann wurde nicht angegriffen.

Zugleich herrschte viel Druck, so viele Ziele wie möglich treffen, insbesondere in den ersten Wochen nach dem 7. Oktober. Aus den Aussagen unserer Quellen ging hervor, dass es zwar tatsächlich eine menschliche Instanz gab, die die von der KI vorgeschlagenen Ziele freigeben musste. Aber wegen des enormen Drucks, möglichst viele Ziele zu treffen, beschrieben unsere Quellen sich selbst als eine Art Abnickinstanz für die Zielauswahl der KI.

Wer trägt unter solchen Bedingungen tatsächlich die Verantwortung?

Es stellt sich eine grundsätzliche Frage, welche Aufgaben man einer KI überhaupt übertragen darf. Wenn man sie bittet, den schnellsten Weg zwischen zwei Städte zu berechnen, ist das unproblematisch. Wenn man sie damit beauftragt, eine Liste zu erstellen, auf der jede aufgeführte Person zum Tode bestimmt ist, hat das eine völlig andere Tragweite.

Damit werden zugleich herkömmliche Arbeitsweisen der Nachrichtendienste aufgegeben. Früher beobachtete ein Nachrichtendienstoffizier eine bestimmte Person über längere Zeit, wusste, wer sie war, kannte ihr Umfeld und ihre Familie und konnte schließlich zu dem Schluss kommen: Ja, diese Person ist derzeit für die Hamas aktiv. Wenn mithilfe von KI jedoch innerhalb kürzester Zeit 37.000 Ziele identifiziert werden, lässt sich kaum noch nachvollziehen, warum eine bestimmte Person überhaupt als Ziel ausgewählt wurde.

Hinzu kommt die Frage, welches Maß an sogenannten Kollateralschäden überhaupt als zulässig gelten sollte. Nehmen wir an, die KI arbeitet völlig fehlerfrei und liefert 37.000 Namen von Menschen, die tatsächlich der Hamas angehören. Warum müssen dann bei einem Angriff auf eine dieser Personen zusätzlich zwanzig weitere Menschen getötet werden? Warum greift man sie ausgerechnet in ihren Häusern an, wo auch Familienangehörige oder Nachbarn ums Leben kommen können? Warum geht man so vor? Man sollte sie angreifen, wenn sie sich im Kampfgebiet befinden, wenn sie sich im Freien bewegen, wenn sie eine konkrete Bedrohung darstellen oder bewaffnet sind.

In diesem Zusammenhang stießen wir auf einen der erschreckendsten Aspekte der israelischen Kriegsführung überhaupt. Und zwar gibt ein Programm – keine KI, eher eine Software oder App – mit dem Namen »Wo ist Papa?«.

Da Hamas-Mitglieder oder Personen, die als solche verdächtigt wurden, mitunter wussten, dass sie überwacht wurden – schließlich weiß in Gaza praktisch jeder, dass man überwacht wird –, trugen sie ihre Mobiltelefone nicht bei sich oder versteckten sie. Um festzustellen, ob sie sich zu Hause befanden, überwachte man deshalb die Telefone ihrer Familienangehörigen. Sobald dann etwa jemand aus der Familie in Hörweite eines Telefons sagte: »Papa ist zu Hause« oder »Papa ist wieder da«, aktivierte das gewissermaßen das Programm und signalisierte dem System Eine der 37.000 erfassten Personen befindet sich jetzt zu Hause. Genau davon erzählt auch der Film.

Zwischen dieser Meldung und dem eigentlichen Luftangriff konnten jedoch Dutzende Minuten oder sogar bis zu einer Stunde vergehen. In dieser Zeit konnte die betreffende Person das Haus längst wieder verlassen haben. Dann wurde trotzdem bombardiert – und am Ende starben womöglich ausschließlich die Familienangehöriger.

Lass uns auf die Reaktionen auf »NAZA« in Israel schauen: Die heftige Ablehnung setzte schon ein, bevor der Großteil der Menschen den Film überhaupt gesehen hatte. Wie erklärst du dir das?

Ich denke, dafür gibt es drei Gründe. Einen von ihnen haben wir selbst nicht bedacht. Als wir die Premiere planten, haben wir nicht berücksichtigt, dass der Film mitten im israelischen Wahlkampf erscheinen würde. Das erklärt einen großen Teil der äußerst aggressiven Angriffe aus dem rechten Lager. Nur ein oder zwei Tage vor der Premiere in Venedig war in der Zeitung Haaretz ein Artikel erschienen, dem zufolge der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate Netanjahu kurz vor dem 7. Oktober ausdrücklich vor einem bevorstehenden Angriff der Hamas gewarnt hatte – eine Warnung, die Netanjahu jedoch ignoriert habe. Nach dieser Veröffentlichung geriet er politisch stark unter Druck. »NAZA« bot ihm nun die Möglichkeit, die Diskussion von der Kritik an seiner Person und von der Frage »Netanjahu – ja oder nein?« wegzulenken.

»Netanjahu – ja oder nein?« – das ist das Terrain, auf dem die Opposition den Wahlkampf am liebsten führt. Denn Netanjahu ist, gelinde gesagt, nicht sonderlich beliebt. Ich glaube, dass eine Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit gegen ihn oder zumindest der Ansicht ist, dass seine Zeit im Amt vorbei ist. Deshalb hat die Opposition ihren Wahlkampf stark auf die Frage »Netanjahu – ja oder nein?« und insbesondere auf seine Verantwortung für den 7. Oktober ausgerichtet. Nach der Premiere von »NAZA« in Venedig konnten Netanjahu und die politische Rechte die Debatte plötzlich auf eine andere Frage verlagern, und zwar: »Patriotisch oder unpatriotisch?« Dieses Terrain ist für die Rechte wesentlich bequemer.

Der zweite Grund für die heftigen Reaktionen ist, dass sich der Vorwurf, der aus dem Film und den Recherchen hervorgeht, das israelische Militär als Ganzes betrifft – anders als bei klar umrissenen Fällen mutmaßlicher Verbrechen, die die Armee selbst untersucht hat, etwa dem Fall von Hind Rajab, der Tötung der Sanitäter in Rafah, dem Angriff auf die World Central Kitchen oder der Erschießung palästinensischer Zivilist*innen, die für Brot anstanden. In solchen Fällen lässt sich sagen: Dafür tragen bestimmte Soldaten oder Kommandeure Verantwortung.

»NAZA« hingegen erhebt Vorwürfe gegen die gesamte militärische Führung und Struktur. Die Entscheidung, bei einem einfachen Hamas-Mitglied einen »Kollateralschaden« von zwanzig Menschen zu genehmigen oder bei einem hochrangigen Hamas-Funktionär dreihundert, vierhundert oder fünfhundert Menschen, kann nur auf höchster Ebene der Armee getroffen worden sein – im Generalstab selbst, in der Militärstaatsanwaltschaft. Entscheidungen dieser Größenordnung fallen auf dieser Ebene. Und gerade weil »NAZA« damit auch die militärische Führungsspitze ins Zentrum rückt, fiel die Reaktion der Armee so heftig aus. Denn wenn die Aussagen des Films zutreffen, trägt im Grunde die gesamte Armeeführung Verantwortung für die Tötung einer ungeheuren Zahl unschuldiger Menschen.

Der dritte Grund für die heftigen Reaktionen ist, dass in Israel geleugnet wird, was die ganze Welt seit Jahren über die Geschehnisse in Gaza weiß. Bei der Premiere in Venedig sagte ein italienischer Journalist zu mir: »Was erzählt ihr uns hier eigentlich Neues? Wir haben all das längst von vielen Palästinensern gehört. Wir wissen, dass es einen Genozid gab, dass Kinder getötet wurden, dass ganze Viertel zerstört wurden. Wir wissen das alles. Was erzählt ihr uns Neues?« Für Israelis hingegen ist all das vollkommen neu. Es herrscht eine nahezu vollständige Verdrängung.

Hinzu kam ein symbolischer Aspekt, der sehr ausgeschlachtet wurde. »NAZA« wurde bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt, ein glamouröser Ort mit rotem Teppich, und bekam fünfundzwanzig Minuten Standing Ovations. Ich war selbst dabei, im Saal. Diese fünfundzwanzig Minuten Applaus galten nicht Yuval Abraham und Rachel Szor. Der Applaus richtete sich gegen das Geschehen in Gaza. Man konnte praktisch nicht aufhören zu klatschen, weil das Gefühl herrschte: Wer aufhört zu applaudieren, unterstützt den Genozid. So war die Stimmung im Saal. Der Applaus war eine Botschaft, die sagte: Wir stellen uns gegen das, was in Gaza geschehen ist.

Israel hat sich selbst in diese Lage manövriert, indem es auf Vorwürfe, schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht sowie Kriegsverbrechen zu begehen, mit Gleichgültigkeit und Geringschätzung reagiert hat. Statt die Vorwürfe ernst zu nehmen, versuchte man, sie abzuwürgen und als Antisemitismus abzutun.

Wenn aber ein solcher Film, der den Schleier der Verdrängung zerreißt, auf dem roten Teppich in Venedig gezeigt wird und fünfundzwanzig Minuten Applaus erhält, sind Kränkung und Wut riesig. Wo immer Verdrängung im Spiel ist, richten sich die Wut gegen diejenigen, die die Illusion zerstören.

Und dennoch: Trotz des enormen persönlichen Preises, den Yuval und Rachel für ihre Arbeit zahlen – ich weiß nicht, wann sie überhaupt wieder nach Israel zurückkehren können; vor dem Haus von Rachels Eltern versammeln sich derzeit aufgebrachte Menschenmengen –, glaube ich dennoch, dass »NAZA« etwas Großes geleistet hat. Ich glaube, dass dieser Film zum ersten Mal eine Debatte innerhalb der israelischen Gesellschaft darüber angestoßen hat, was wir in Gaza getan haben. Ja, er wurde außerhalb Israels produziert und zuerst auf internationaler Bühne gezeigt – weil sich in Israel kein Produzent gefunden hätte, der einen solchen Film gemacht hätte. Aber er ist für ein israelisches Publikum gemacht. Er spricht israelisch. Die Soldaten, die darin aussagen, sprechen in der Sprache der Israelis.

Wer außerhalb Israels wissen wollte, was im Gazastreifen geschah, musste nur zuhören, was die Menschen aus Gaza selbst erzählten: in den sozialen Netzwerken, den arabischen und internationalen Medien. Da ausländische Journalist*innen nicht nach Gaza hineingelassen wurden, fand ein interessantes Empowerment palästinensischer Journalist*innen statt: Sie selbst dokumentierten, was ihnen geschah. Sie und niemand anderes berichtete für die Welt. Die Zeugnisse der israelischen Soldaten brauchte es nicht unbedingt, auch wenn sie das Gesamtbild natürlich weiter erhellen. Aber die Welt hätte ihre Aussagen nicht gebraucht, um von Genozid zu sprechen.

In diesem Zusammenhang gab es auch von Teilen der Linken Kritik an der großen internationalen Aufmerksamkeit, die »NAZA« und Yuval Abraham und Rachel Szor zuteilwird – immerhin hatten palästinensische Journalist*innen die letzten drei Jahre schon aus Gaza heraus berichtet. Wie bewertest du diese Kritik? Und glaubst du, dass es für die internationale Rezeption des Films eine Rolle spielt, dass seine beiden Filmemacher*innen Israelis sind?

Ich kann die palästinensische Reaktion und auch die Reaktion der radikaleren Linken nachvollziehen. Zugleich glaube ich, dass jeder das tut, was ihm oder ihr möglich ist. Yuval und Rachel – und auch wir als Sicha Mekomit – haben als Israelis Zugang zu Bereichen und Personen, die für Palästinenser*innen nicht erreichbar sind. Auch ein britischer oder spanischer Journalist hätte es vermutlich kaum geschafft, vierundzwanzig Angehörige des militärischen Nachrichtendiensts dazu zu bringen, vor der Kamera mit ihm zu sprechen.

Hat das, was unsere Quellen im Film erzählen, also einen eigenen faktischen Mehrwert? Ich denke schon. Ihre Aussagen ergänzen das Gesamtbild um eine weitere Dimension. Glaubt man westlichen Stimmen eher? Ja, leider ist das so. Auch der New York Times, der Washington Post oder dem Guardian wird eher geglaubt.

Das zeigt sich sogar hinsichtlich Sicha Mekomit selbst. Wir haben unsere Recherchen zuerst auf Hebräisch in Sicha Mekomit veröffentlicht, aber die Resonanz in Israel war sehr gering. Sobald sie ins Englische übersetzt wurden, stießen sie auf größeres Interesse. Und als wir einen Teil der Recherchen gemeinsam mit dem Guardian veröffentlichten, fanden sie auch in Israel auf deutlich mehr Beachtung. Das war eine absurde Situation: die israelische Presse zitierte den Guardian, der im Grunde uns auf uns von Sicha Mekomit berief. Für die israelische Presse war jedoch der Guardian die maßgebliche Quelle – weil er als »glaubwürdiger« galt.

Glaubst du, die Reaktion der israelischen Gesellschaft auf den Film wäre anders ausgefallen, wenn die etablierten israelischen Medien in Echtzeit und ausführlich über die Geschehnisse in Gaza berichtet hätten – wenn also die gesamte israelische Öffentlichkeit mit mehr Zahlen, Zeugenaussagen, Recherchen und Bildmaterial zum Geschehen vor Ort konfrontiert worden wäre?

Ganz sicher. Während der ersten Intifada, als Jitzchak Rabin als damaliger Verteidigungsminister den Befehl gab, palästinensischen Demonstrierenden Arme und Beine zu brechen, wurde in Israel eine ernsthafte öffentliche Debatte darüber geführt. Und als Israel während der zweiten Intifada das Wohnhaus von Salah Shehadeh im Gazastreifen bombardierte – Shehadeh war damals Anführer des militärischen Flügels der Hamas, also gewissermaßen das damalige Äquivalent zu Sinwar –, wobei mehrere Mitglieder seiner Familie getötet wurden, erklärten offizielle israelische Vertreter, sie hätten nicht gewusst, dass sich Kinder im Haus befanden.

Früher wurden solche Debatten in der israelischen Öffentlichkeit also durchaus geführt. Es ist daher gut möglich, dass auch das Vorgehen im Gazastreifen während dieses Krieges kritisch diskutiert worden wäre, hätte die Öffentlichkeit in Echtzeit davon erfahren. Doch statt zu berichten, haben die Medien die Realität in Gaza totgeschwiegen. Deshalb trifft dieser Film die israelische Öffentlichkeit völlig unvorbereitet, und die Leute fragen sich: Wo kommt das denn jetzt plötzlich her? Sie hatten von all dem überhaupt nichts gewusst.

Gibt es Aspekte der internationalen Reaktionen auf den Film, die die israelische Öffentlichkeit deiner Meinung nach nicht wahrnimmt oder nicht versteht?

Ich denke, die israelische Öffentlichkeit versteht nicht wirklich, dass in weiten Teilen der Welt die Frage, ob Israel in Gaza einen Genozid begangen hat – und ich selbst will mich gar nicht darauf festlegen, ob das der richtige Begriff ist –, gar nicht mehr zur Debatte steht. In Italien ist das kaum noch umstritten, ebenso wenig in Großbritannien oder in bestimmten Kreisen Nordamerikas.

Israel hat sich selbst in diese Lage manövriert, indem es auf Vorwürfe, schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht sowie Kriegsverbrechen zu begehen, mit Gleichgültigkeit und Geringschätzung reagiert hat. Statt die Vorwürfe ernst zu nehmen, versuchte man, sie abzuwürgen und als Antisemitismus abzutun.

Israel darf für sich keinen Sonderstatus beanspruchen, bei dem ihm erlaubt ist, was anderen verboten ist.

Wäre man in Israel offener damit umgegangen, hätte man sich auf den Film von Yuval und Rachel eingelassen, hätte man gesagt: Okay, wir widersprechen bestimmten Behauptungen, nicht alles, was dort gesagt wird, stimmt – aber trotzdem liegen hier die Aussagen von vierundzwanzig Soldaten vor, denen wir erst einmal zuhören sollten. Doch die Angst, die Unterdrückung kritischer Debatten, die Etikettierung von allem und jedem als antisemitisch, haben dazu geführt, dass Israel heute so schlecht dasteht und weltweit als verbrecherischer Staat wahrgenommen wird. Dieser Film führt den Israelis ihre eigene Lage vor Augen.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste, das Leser*innen in Deutschland über die Debatte in Israel rund um »NAZA« und eure Recherchen verstehen sollten?

Ich denke, sie sollten verstehen, dass ihre Vorstellung von Israel als einem demokratischen Staat, in dem Pressefreiheit herrscht und offen darüber diskutiert werden kann, was in diesem Krieg geschehen ist, schlicht und ergreifend nicht stimmt. Es wurde versucht, durch Selbstzensur oder durch Drohungen zu kontrollieren, was veröffentlicht wird. Wer versucht hat, etwas anderes als das Geduldete zu veröffentlichen, wurde bedroht.

Israel darf für sich keinen Sonderstatus beanspruchen, bei dem ihm erlaubt ist, was anderen verboten ist. Wenn es in Russland unzulässig ist, die Medien zu zensieren, dann ist es auch in Israel unzulässig. Wenn Russland nicht Tausende Kinder töten darf, dann darf Israel das auch nicht. Wenn bekannt wird, dass Israel gezielt Zivilist*innen tötet, gibt es keinen Grund, nachsichtig zu sein, nur weil sich um  Israel handelt.

Ich hoffe, die deutschsprachigen Leser*innen verstehen: Wir, die wir Israels Vorgehen so scharf kritisieren, tun dies, weil wir wollen, dass der Ort, an dem wir leben, ein besserer wird. Und das wird er, wenn keine Kriegsverbrechen mehr begangen werden.

Das ist es, was die deutsche Öffentlichkeit verstehen sollte: Sie kann für das Existenzrecht Israels eintreten und dessen Existenz als Teil der deutschen Staatsräson begreifen – und zugleich anerkennen, dass die Verbrechen Israels nicht länger hingenommen werden dürfen und diejenigen, die über diese Verbrechen berichten, nicht als antisemitisch diffamiert werden sollten.

Meron Rapoport

Meron Rapoport ist Journalist, Literaturübersetzer und politischer Aktivist.

Autor:in

Das Rosa-Luxemburg-Büro in Tel Aviv

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