Entwicklungen im Zeitraffer: Zur Lage im Westjordanland

Israeli settlers and security forces stand outside a shop owned by Palestinian Mouayad Oweis after settlers placed dozens of Israeli flags, blocking access to the roadside business in the West Bank village of al-Lubban al-Sharqiya, October 8, 2026. Photo by Flash90
Israelische Siedler und Sicherheitskräfte stehen vor einem Laden des Palästinensers Mouayad Oweis, nachdem Siedler Dutzende israelische Flaggen aufgestellt und so den Zugang zu dem Geschäft am Straßenrand im Dorf al-Lubban al-Sharqiya im Westjordanland blockiert hatten (8. Oktober 2026). Foto: Flash90
25. Oktober 2026

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die sechste Regierung Netanjahu seit ihrer Vereidigung im Dezember 2022 den Ausbau der Besatzung stärker vorangetrieben hat als je eine Regierung in all den Jahrzehnten der Besatzung zuvor. Innerhalb von knapp dreieinhalb Jahren (Stand Juli 2026) wurden mehr als 200 illegale Außenposten errichtet, die Gründung von 104 neuen Siedlungen beschlossen und 118 palästinensische Gemeinden von ihrem Land vertrieben. Die Regierung ermöglichte Siedlergewalt in einem bislang ungekannten Ausmaß. Den Siedlungen und Siedler*innen wurden finanzielle Mittel in beispielloser Höhe zur Verfügung gestellt, zugleich wurden Bauvorhaben und Infrastrukturprojekte im Umfang von mehreren Milliarden Schekel vorangetrieben. Mittlerweile erstreckt sich die Kontrolle der Siedler*innen auf fast 20 Prozent der Fläche des Westjordanlands.

Um zu verstehen, was diese Zahlen für die Lage im Westjordanland konkret bedeuten, werde ich zunächst die allgemeinen Entwicklungen seit dem 7. Oktober skizzieren. Anschließend werde ich das Augenmerk auf das nördliche Westjordanland legen. Dort werde ich die sich vollziehenden Veränderungen anhand des Gebiets zwischen Nablus und Jenin exemplarisch darstellen. Die Region um die Siedlungen und Außenposten Itamar, Jitzhar, Shavei Schomron, Havat Gilad und Homesh sowie, weiter nördlich, Sa-Nur, ist dabei von besonderer Bedeutung.

Nach dem Angriff des 7. Oktobers – Kollektive Bestrafung

Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 sperrte die israelische Armee den Großteil der Straßen und Zufahrtswege, die von palästinensischen Dörfern zu den Hauptverkehrsachsen des Westjordanlandes führen. So wurde der Zugang zur Straße 60 gesperrt, die das Westjordanland von Norden nach Süden durchquert, wie auch zu der östlich davon zwischen Jordantal und Bergland verlaufenden Allon-Straße und zu wichtigen Ost-West-Verbindungen.

Insbesondere in den A- und B-Zonen des Westjordanlandes fanden sich die Palästinenser*innen in voneinander abgeriegelten Enklaven wieder. Dieser Zustand hielt mehr als ein Jahr an; noch bis heute sind Hunderte Zufahrtsstraßen von palästinensischen Dörfern zu den Hauptverkehrsstraßen gesperrt. Zugleich entzog man rund 100.000 Palästinenser*innen die Arbeitserlaubnis für Israel, setzte die Überweisung von Milliardensummen an die Palästinensische Autonomiebehörde aus und ergriff ein Bündel weiterer Maßnahmen, das zu der schwersten Wirtschaftskrise führte, die die Palästinenser*innen im Westjordanland je erlebt haben.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen des 7. Oktober war es die Region um Nablus, die die als erste verstärkt in den Blick der israelischen Medien geriet: aus dem Grenzgebiet zum Gazastreifen wurden Armeeeinheiten in den Raum Huwara südlich von Nablus abgezogen, um Sukkot-Feierlichkeiten eines Knessetabgeordneten zu sichern.

Im ersten Jahr des Gaza-Krieges gehörte jedoch das nördliche Westjordanland zu den ruhigsten und medial am wenigsten beachteten Gebieten der Region. Siedlungen und Außenposten wie Jitzhar, Havat Gilad und Givat Ronen/Sneh Yaakov, die bis zum 7. Oktober für ihre gewaltsamen Übergriffe auf Palästinenser*innen bekannt gewesen waren, sorgten kaum mehr für Meldungen.

Im Jahr 2024 waren die meisten Fälle von Siedlergewalt in anderen Regionen zu verzeichnen gewesen, darunter in dem sich im Osten erstreckenden Jordantal; in der Gegend östlich von Ramallah wie auch im südlichen Hebroner Bergland. Von den 60 Außenposten, die in jenem Jahr errichtet worden waren, lag nur einer in der Region um Nablus. Und von den Regierungsbeschlüssen, die zwischen 2023 und Mai 2025 die Gründung von insgesamt 27 neuen Siedlungen vorsahen, sprach nur einer von der Gründung einer Siedlung in unmittelbarer Nähe des Gebiets zwischen Huwara und Nablus – der Siedlung Evyatar.

Das Besondere an der gegenwärtigen Situation sind nicht etwa neue Arten von Gewalt, „Siedlerausflügen“ oder Außenposten. Neu ist die Wucht und das schiere Ausmaß der Ereignisse, wie auch der Fakt, dass der gesamte israelische Staat in den Dienst der Siedlerinteressen gestellt wird.

Staatliche Institutionen stellen sich hinter die Siedlungen

Die Weichen für die tiefgreifende Veränderung der Lage im nördlichen Westjordanland wurden schlussendlich jedoch in der Knesset gestellt. Bereits im März 2023, drei Monate nach Amtsantritt der derzeitigen Netanjahu-Regierung, wurde die Aufhebung des sogenannten Abkoppelungsgesetzes beschlossen. Im Zuge des unter Ariel Sharon verabschiedeten „Abkoppelungsplans“ waren 2005 nicht nur alle israelischen Siedlungen im Gazastreifen geräumt worden, sondern auch die vier im nördlichen Westjordanland liegenden Siedlungen Homesh, Ganim, Kadim und Sa-Nur. Das Gesetz untersagte seitdem jegliche israelische Präsenz nördlich der Siedlung Shavei Schomron.

Im Mai 2023 wurde Homesh als nördlichster Außenposten im Westjordanland wiedererrichtet. Im Mai 2025 beschloss das israelische Sicherheitskabinett die Wieder-Errichtung der Siedlungen Homesh, Sa-Nur und Har Ebal im Gebiet zwischen Nablus und Jenin. Im Dezember 2025 wurde die Wiedererrichtung der Siedlungen Ganim und Kadim unmittelbar bei Jenin beschlossen, und 2026 beschloss das Sicherheitskabinett die Errichtung von mindestens fünf weiteren Siedlungen im Raum Jenin (je nachdem, wie man die geografischen Grenzen dieses Gebiets definiert).

Diese strategische Entscheidung der israelischen Regierung, die Bevölkerungszusammensetzung im nördlichen Westjordanland zu verändern und Siedler im Herzen von palästinensischen Gebieten wohnen zu lassen, in denen Israelis fast zwei Jahrzehnte lang weitgehend nicht präsent gewesen waren, ging in den Jahren 2025 und 2026 mit der Errichtung von mindestens 14 Außenposten einher. Vier davon befinden sich in der B-Zone.

Parallel zu den Siedlungsbauplänen treibt die israelische Regierung seit 2023 ambitionierte Pläne zur touristischen Erschließung des Raums Nablus voran. Diese Region im nördlichen Westjordanland, die bisher weder von israelischen Ausflügler*innen noch von internationalen Tourist*innen im Allgemeinen stark frequentiert wird, soll mit Investitionen in Höhe von mehreren Dutzend Millionen Schekel für den Tourismus ausgebaut werden.

Eine weitere archäologische Stätte, auf die die Siedler*innen seit vielen Jahren ein Auge geworfen haben, liegt auf dem Aruma-Berg, der in Zone B nahe des palästinensischen Dorfs Aqraba liegt. Als wichtigstes Ziel für Ausflüge beziehungsweise Gebete ist natürlich allen voran das Josefsgrab in Nablus zu nennen.

Diese „Ausflüge“ in die besetzten Gebiete im Allgemeinen und in den Norden des Westjordanlands im Speziellen haben natürlich ebenso wenig erst in den vergangenen Jahren begonnen wie das Errichten von Außenposten, die Siedlergewalt und die Inbesitznahme palästinensischen Landes. Die entscheidende Veränderung liegt vielmehr in der neuen Konstellation verschiedener politischer Faktoren: eine rechte Regierung, die das Siedlungsprojekt ins Zentrum ihrer Politik gestellt hat; eine seit dem 7. Oktober verängstigte und verunsicherte israelische Öffentlichkeit, die dem Leid der Palästinenser*innen weitgehend gleichgültig gegenübersteht; sowie die fast uneingeschränkte Unterstützung der US-Regierung für das israelische Tun in den besetzten Gebieten.

Neben diesen politischen Entwicklungen spielt auch die Aufstellung sogenannter Regionalverteidigungsbataillone eine wichtige Rolle. Durch diese Bataillone, die mit Reservisten aus den Siedlungen besetzt sind, wurden die Siedler, allen voran jene aus den Außenposten, zu einem Teil der israelischen Armee.

Diese Bataillone sind der Ansicht, sie sollten das Siedlungsprojekt unterstützen. Die Sicherheit der palästinensischen Bevölkerung lassen sie dabei – bestenfalls – außer Acht. Unter den gegenwärtigen Bedingungen im Westjordanland haben die Siedler*innen sowohl in der Armee das Sagen – Soldaten und Kommandeure sind oft selbst Siedler – als auch in der Regierung Netanjahu. Zugleich erhalten sie Rückendeckung aus Israel und dem Ausland.

Das Leben der Palästinenser*innen: Fokus auf das nördliche Westjordanland

Dahingegen leiden die Palästinenser*innen seit fast drei Jahren unter einer wirtschaftlichen Blockade und massiven Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Arbeitslosigkeit und stark gesunkene Einkommen gehören im Norden des Westjordanlands zu ihrem Alltag. Fahrten aus den Dörfern in größere Städte wie Nablus oder Ramallah, die früher nur wenige Minuten dauerten, nehmen heute ein bis zwei Stunden in Anspruch, bei Straßensperren noch länger. Hinzu kommt der mangelnde rechtliche Schutz durch die israelischen Behörden vor Gewalt, Landraub und Diebstählen durch Siedler*innen. Zwanzig Jahre nach dem Abkoppelungsplan prägen israelische Außenposten und Siedlungen, Landraub sowie eine wachsende Präsenz von Militär und Siedler*innen erneut die Region nördlich von Nablus.

Wie grundlegend sich die Lage für Palästinenser*innen verändert hat, zeigt das Beispiel des bereits zuvor erwähnten Dorfes Sebastia, welches nördlich von Nablus in einem bisher vollständig palästinensisch geprägten Gebiet liegt. Zwar wurde ein Teil der Ländereien Sebastias schon vor längerem von der Siedlung Shavei Schomron und den zugehörigen Außenposten besetzt, doch kam es bis zum 7. Oktober kaum zu Zwischenfällen zwischen den Dorfbewohner*innen und den Siedler*innen. Auch die Präsenz der israelischen Armee war im Dorf kaum zu spüren. Sebastia lebte vor allem vom Tourismus rund um die archäologische Stätte wie auch von Landwirtschaft. Zudem verbanden zwei Zufahrten das Dorf mit der Hauptstraße 60.

View of a graffiti spray-painted by extremist Jews, in the ancient archeological site of Sebastia, near the West Bank city of Nablus, May 12, 2025. Photo by Nasser Ishtayeh/Flash90
Blick auf ein Graffiti, das von extremistischen Juden in der antiken archäologischen Stätte Sebastia nahe der westjordanischen Stadt Nablus gesprüht wurde, 12. Mai 2025. Foto: Nasser Ishtayeh/Flash90

Nach der Wiedererrichtung der Siedlungen Homesh und insbesondere Sa-Nur begann die israelische Armee, den Zugang des Dorfes zur Straße 60 phasenweise zu sperren. Im November 2025 wurde zudem beschlossen, 2.068 Dunam (~ 207 Hektar, A.d.Ü.) Land des Dorfes zu enteignen. Die geplante Enteignung umfasst einen erheblichen Teil der antiken Stätte von Sebastia – der beeindruckendsten und am besten erhaltenen archäologischen Stätte im Westjordanland – sowie Tausende Dunam an landwirtschaftlichen Flächen.

Gleichzeitig nahm die Präsenz von Soldat*innen deutlich zu. Es kam zu Sachbeschädigungen und Zerstörungen durch Siedler und Soldaten, ohne dass die Behörden den Betroffenen Schutz vor Übergriffen durch die Israelis boten. Die geplante Enteignung der Dorfländereien kommt für die Bewohner*innen Sebastias einem wirtschaftlichen Todesurteil gleich. Ohne Landwirtschaft und Tourismus wird es für sie äußerst schwer sein, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der öffentliche Raum und die Felder rund um das Dorf werden ihnen geraubt, dass sich ihr Lebensraum zunehmend auf das bebaute Gebiet des Dorfes verengt.

Das Westjordanland verändert sich von Minute zu Minute. Der Ausbau der Besatzung wird nicht erst seit der Bildung der derzeitigen Regierung vorangetrieben, sondern bereits seit Jahrzehnten. Doch das Besondere an der gegenwärtigen Situation sind nicht etwa neue Arten von Gewalt, „Siedlerausflügen“ oder Außenposten. Neu ist die Wucht und das schiere Ausmaß der Ereignisse, wie auch der Fakt, dass der gesamte israelische Staat in den Dienst der Siedlerinteressen gestellt wird. Hält diese Entwicklung weiter an, wird sich die Lage für Palästinenser*innen wie Israelis weiterhin verschärfen – und die Macht der Siedler*innen weiterwachsen. Man kann nur hoffen, dass dieser moralische Abgrund, an dem wir uns befinden, irgendwann einen Boden findet.

Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht

Eine hebräische Version dieses Artikels erschien am 30.07.2026 in The Forum for Regional Thinking

Autor:in

Yonatan Mizrahi erforscht die Rolle von Archäologie und Kulturerbestätten im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts mit Fokus auf die politischen Realitäten im Westjordanland und in Ostjerusalem. Er ist Co-Direktor des Siedlungsmonitoring-Projekts von Peace Now, Mitbegründer von Emek Shaveh und war von 2009 bis 2022 dessen Direktor.

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